Titel: Das Brennende Bild · S. 214
Titel: Das Brennende Bild , 1987

C. Die Glut nach Turner

1.

Als der Amerikaner James A. McNeill Whistler (1834-1903) sich knapp nach 1860 in London niederließ, war der Erfolg ihm sicher: aus Paris brachte er eine furiose realistische Malweise mit, stilisierte sich selbst rasch zum Dandy und er haßte Turners Malerei. Damit ausgestattet realisierte er auf glatten, dünnvermalenen Farbflächen, deren Gliederungen er den japanischen Holzschnitten entlieh, früh schon Signacs Anliegen eines »couleur pour la couleur« und zwar in Anlehnung an musikalische Termini. Symphonien, Harmonien und Arrangements wurden nun gemalt, die jegliches Ausdrucksverlangen, sei es subjektiv-empfindsamer oder objektiv-natürlicher Art, unterdrückten. Besonders in der Serie der »nocturnes«, die großteils zu Beginn der 70er Jahre entstanden, gelang Entscheidendes: die Glutfarben Turners wurden in Goldregen verwandelt, der sich effektvoll abhob von der nächtlichen Szenerie. »Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket« (1874) sowie »Nocturne in Black and Gold: The Firework« (ca. 1873) zähmten nicht bloß die Farbintensitäten ins Punktuelle, Prunkende und Schmuckhafte; bei größter Formauflösung, nahezu flächig abstrakten Studien, wurden auch die Bewegungen innerbildlich auf höchst subtile Weise ausbalanciert. Vielgliedrige, wohlausgewogene Bildsysteme, denen selbst ein Feuerwerk wenig anhaben konnte, distanzierten sich vom Betrachter. John Ruskin bezeichnete eines jener Bilder als »Stümperei«; Whistler klagte ihn an und gewann diesen spektakulären Prozeß.

Nicht erst Whistler dämpfte und mäßigte die englische Kunst. 1848, als der kurze »Völkerfrühling« in Europa als epidemische Folge von Revolutionen einzog, wurde in London die »Preraffaelite Brotherhood« gegründet, die im anglikanischen Bereich viele der Anliegen der katholischen Nazarener-Bewegung aufgriff.

Die drei bedeutendsten Gründungsmitglieder Dante Gabriel Rosetti, William Holman Hunt und John…

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