Ausstellungen: Frankfurt a.M. · S. 347
Ausstellungen: Frankfurt a.M. , 1987

Gislind Nabakowski

Juan Martinez

Galerie Hartje, Frankfurt 10.10.-22.il. 1986

Er lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Er kam mit seinen Eltern dorthin, als sie Arbeit suchten. Sie sind längst nach Andalusien zurückgekehrt. Er blieb und wurde zum Pendler zwischen Spanien und der Schweiz. In Barcelona hatte er sich zum Architekten ausbilden lassen. Später, in Lausanne studierte er Malerei. Juan Martinez, 1942 in Spanien geboren, ist eine Doppelbegabung. Er ist Maler und Schriftsteller. Lapidar stehen seine Texte neben seiner Kunst. Wir können sie zu Rate ziehen oder seinen engen Freund Carlos Fuentes lesen, der ihm einige Texte gewidmet hat. Es ist Juan Martinez‘ erste Galerie-Ausstellung in der Bundesrepublik, nachdem ihm bereits 1982 der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen‘ in Düsseldorf eine große Einzelschau gewidmet hat. Während der ‚Art Cologne‘ hatte Jüan Martinez eine Einzelausstellung in der spanischen Galerie Juana Mordo: Skulpturen und große Leinwände, die eher graphisch als malerisch gestaltet waren. Dort verwendete der spanische Künstler ausschließlich die Farben Weiß, Rot und Schwarz, was der Radikalisierung seiner Fragestellung entspricht. Die Galerie Hartje hat auf einen Teil dieser Bilder zurückgegriffen, von denen der Künstler selbst sagt »Aqui no caben medias tintas« (»Hier sind Zwischentöne nicht am Platz«) und auf eine Reihe von Gemälden, in denen Juan Martinez seine wütenden und dunklen Bildwelten malerisch und differenzierter darstellt. Francisco Calvo Seraller, ein spanischer Kritiker, sieht in Martinez einen Maler auf der Suche nach Archetypen und unwirschen, das Gedächtnis bestürmenden Trugbildern, der aber »dem, was man in der Malerei unter spanischem Stil versteht, nicht besonders verbunden ist«. Und doch ist Juan Martinez nicht nur mit seiner eigenen Singularität oder gar Psychologie befaßt. Seine kraß und vehement in die Leinwände gemalten Figuren, denen man noch den Biß des politischen Zeichners ansieht (Juan Martinez zeichnete einst Karikaturen für die New York Times), sind mit sich wiederholenden Zeichen – wie mit kulturellen Brandmalen – besetzt. Einer »Vergangenheit«, gegen die sie kämpfen, die sie abschütteln, von der sie loskommen wollen. Zu diesem Sachverhalt äußerte sich Carlos Fuentes, mexikanischer Novellist und Kritiker mehrfach: »Ich heiße sie willkommen, die nachtvollen und zärtlichen Geschöpfe des Juan Martinez, Menschen aus andalusischen Dörfern im stürmischen Pantheon spanischer Heroen. Schreie, Juan Martinez, fast erstickt von Traditionen und Familienbanden wie eingemauert in eine Grabkammer des ägyptischen Fayoum: Wir hören Dich.«

Einkerkerung in Kultur, Land, Vergangenheit, Totalitarismus, Politik, Sippe, Familie, Sippe, Gruppe, Geschlecht Konvention als Konflikt. Für uns ist der Flamenco der Tanz spanischer Zigeuner, Tapies ist ein spanischer Maler von Weltrang. Goya hat uns wegen seines ehrlichen Zungenschlages tief in die spanische Geschichte blicken lassen. Was können wir – abgesehen von individuellen, großen Namen – mit Spanien verbinden? Carlos Fuentes: »Spanien ist das Werk vieler unbekannter Arbeiter, von denen wir weder Zeugnis, noch Identität, noch Abbild besitzen. Darüber hinaus ist es das Werk von Menschen vieler Kulturen, nicht nur der römischen, der keltischiberischen oder der gotischen, sondern auch maurischer und jüdischer Provenienz.«

Und für Juan Martinez, den Maler, ist in einer eigenen Erzählung »Gott« ein Mächtiger, der sich weit von den Menschen entfernt hat, um sie aus der Entfernung besser beobachten und kontrollieren zu können. Gott schützt sich gegen die Stimme des Volkes, antwortet trocken und lakonisch am Telefon »Yes God«, wenn die Menschen ihn in Not anrufen. Er führte die »göttliche Säuberung durch, die darin bestand, die separatistische Gemeinschaft auszurotten«. Juan Martinez nennt dieses Gleichnis spöttisch eine »Marginalie« der Weltgeschichte.

Juan Martinez zeigt die Konsequenzen aller Kriege, auch der kleinen, er deckt die archaische Brutalität auf, die in allen enthalten ist und vor allem darin die stets wiederkehrende Psychologie. Seine Bilder sind von Chimären, Monstern und Albs bevölkert und von Heroen, die sich dem politischen Schicksal stolz widersetzen. Gemälde, die das melancholische Schicksal Spaniens verarbeiten.

Kein geschichtsloser Anschluß an die heftige Kunst oder ein schneller Aufsprung auf den kühlen Zug der Postmoderne. Diesem Maler geht es darum, der Welt zu zeigen, daß der Kampf um Demokratie von Trauerarbeit begleitet ist: vorher – nachher – lange. Wohl deshalb sieht Carlos Fuentes in ihm den »wichtigsten Maler seiner Generation«, weil er graphische und malerische Mittel von Weitläufigkeit mit den populären der Votiv-Kunst und der Posterkunst zusammenbringt.