Titel: Das Brennende Bild , 1987

C. Jannis Kounellis, Freiheit oder Tod?

Auf Euphorie und Aufbruchsstimmung der 50er Jahre folgte bald schon ein unerwarteter Einbruch, der erstmals die Schattenseiten von Konsumdiktat, industrieller Wunschproduktion, liberalen Herrschaftsansprüchen u.a. offenlegte. Schlagartig mußte auch bewußt geworden sein, daß der »subjektive Universalismus«, faßbar etwa in der Abstraktion, die mit dem Anspruch einer Einheitssprache auftrat, bloß die eine Seite einer »ticket«-Mentalität, die Schauseite einer Nebenfront des Kalten Krieges war. Mit guten Gründen konnte die Kunst seither mit dem Begriff »Westkunst« belegt werden: ihr Universalismus betraf die halbe Welt, ihr Subjektivismus den manipulierten Menschen, ihr Gestaltungsdrang die ökonomischen Verwertungsinteressen, ihr Moralismus legitimierte bestens den je eigenen Es-kapismus usf. Man war gewissermaßen zwischen dem Authentizitätsanspruch der subjektiven Geste auf der einen Seite und der Allgemeingültigkeit einer Weltsprache auf der anderen im luftarmen, bodenlosen und aussichtsversperrten Raum gefangen, wie die Spinne im Netz.

Diese Conditio sine qua non der Nachkriegskunst wurde zu Beginn der 60er Jahre bereits als traumatischer, verstörender und alarmierender Weltverlust verspürt. Ein Überdruß am Schöpferischen, Gestalterischen, am Genialen und Künstlerischen generell, machte sich in einer Reihe von Eruptionen Luft: aus den »wilden« 50er Jahren waren die rabiaten 60er Jahre geworden.

Regiert wurden diese von einem gewaltigen Phantasma; es hieß: Realität. Eine unersättliche Gier nach neuen Wirklichkeiten, eine Sucht nach Haltegriffen im Objektiven, grassierte und ließ sich im Rückzug auf die traditionellen realistischen Gestaltungsmittel nirgends mehr bezähmen. Brechts Diktum, die Realität sei in die Funktionale gerutscht, hatte nichts von seiner Wahrheit eingebüßt; dementsprechend, um nicht jeweils von den eigenen Vorgaben eingeholt zu werden, mußte die Kunst…

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