Titel: Das Brennende Bild , 1987

C) Verbrennen und Verholzen: Feldwege einer deutschen Mythologie (Max Ernst – Joseph Beuys – Anselm Kiefer)

Durchgang, Reinigung, Verfeinerung, Spiritualisierung bis hin zur reinen göttlichen Präsenz waren die Merkmale der mystischen Flamme. Reibung, Spannung, Heterogenität der Elemente und deren Wechselseitigkeit, Aufladung und Entladung von Sinn und Sinnlichkeit hießen die Charakteristika der symbolischen Asche. Deren Grenzwerte haben wir einerseits mit René Magrittes irdischen, still vor sich hinlodernden und nahezu wirkungslosen Flämmchen und andererseits mit André Massons kosmisch-wogenden Feuerfluten, die gleichzeitig Strom und Vulkan sein wollten, bestimmt. Dem flammenden Erotismus Massons, seiner emphatischen, ebenso physiognomischen, symbolischen wie allegorischen Expressivität, die die eigene Kunst zu verschlingen drohte, antworteten Magrittes kühle Ding-Kombinationen mit der Unmöglichkeit von Expressivität und der Evokation des Mysteriums nicht kraft der Flamme, sondern kraft des Bildganzen, der durchdachten Kunst.

Massons Flammen wollten obendrein die Moderne überwinden und an ihrer Stelle eine neue, vorsokratisch-körpervolle Welt inaugurieren. Magritte hingegen war einer der ersten Künstler, welche die geistigkünstlerischen Bedingungen der modernen Zivilisation, wie sie aus den industriell-ökonomischen und den politisch-sozialen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts hervorgegangen waren, vertraut und ertragbar zu machen suchten.

Alsdann haben wir versucht, auf langem Weg denjenigen Künstler zu folgen, die nicht bloß auf »Modernität« reagieren, sondern sie selbst verkörpern wollten, und daher Methoden der Naturwissenschaften oder der Ökonomie, etwa das Experiment und die Expansion, sich aneigneten. Erst dieser Weg, der dahin zielte, das Fiktive zu realisieren und das Reale auf verschiedenste Weise zu ästhetisieren, führte unmittelbar zum Motiv und zur Faktizität der Asche. Mit der Reduktion der sinntragenden, symbolträchtigen und…

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