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Titel: Der gerissene Faden · von Claudia Wahjudi · S. 222 - 227
Titel: Der gerissene Faden , 2001

CLAUDIA WAHJUDI
Carsten Nicolai

Systeme aus Klang und Bild

Die Störung ist keine Störung. Auf dem Fernsehbildschirm, der in der Berliner Galerie „Eigen + Art“ steht, blitzen Querstreifen auf – drei, fünf, sieben, viele. Weiß auf Schwarz. Dazwischen sind alle Farben möglich, das Auge denkt sie mit. Und das Ohr scheint die Streifen zu hören. Über ein stetes Rauschen schieben sich erste Klänge, formen einen Rhythmus, dann ein scharfes Knacken, schließlich steigern sich die Frequenzen zu einem fast orchestralen Zusammenklang. Und mit den Frequenzen multiplizieren sich die Streifen – von der einfachen Linie zu einem komplizierten Code. Jetzt ist offensichtlich: Was aussieht wie eine Störung, hat System. Es ist System.

Denn an den Monitor ist ein CD-Player angeschlossen. Über ein Kabel, das direkt in den Videoeingang führt, kommen Töne, die der Künstler Carsten Nicolai so ausgewählt hat, dass das Fernsehgerät auf diese nicht mit Wellen oder Rauschen reagiert sondern mit klaren Balken, die beim Zusammenprall verschiedener Frequenzen zu tanzen beginnen. Klang ist Form. Ringsum an den Wänden hängen Dypticha, die das rhythmische Spiel aufnehmen. Ihr Polyester, das über Aluminiumrahmen gespannt ist, trägt gemalte Streifen, schmale, breitere und breite, das Weiß ganz weiß oder eher grau und elfenbeinfarben, mit Pinselspuren und ohne. Die „Prototypen“, wie die Gemälde heißen, gleichen großformatigen Notationen.

„Mich interessiert die unmittelbare Übersetzung von Sound in Form“, sagt Carsten Nicolai. Sehen seine Tafelbilder aus wie Rhythmen, klingen seine Stücke wie Parablen oder Punkte auf Millimeterpapier. Die Arbeiten des 1965 geborenen Künstlers ignorieren die Grenzen der Genres: Nicolai pendelt zwischen White Cube…


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