Titel: Inszenierte Fotografie II · S. 84
Titel: Inszenierte Fotografie II , 1986

Christian Boltanski

Christian Boltanski hat sich stets mit großer Heftigkeit gegen die Unterstellung gewehrt, sein künstlerisches Werk habe etwas mit dem Medium Fotografie zu tun. Er sei im Gegenteil Maler. Dabei läßt sich nicht leugnen, daß er früher als die meisten Künstler seiner Generation Fotografien in sein artistisches Spiel einbezogen hat. Mit Hilfe von Fotografien hat er eine fiktive Kindheitsgeschichte konstruiert, die manche für die seine hielten, weil er Authentisches und Erfundenes vermischte. Anhand von Fotografien hat er exemplarische Ästhetikvorstellungen demonstriert und sogenannte ‚Modellbilder‘ geschaffen. Die fotografische Technik diente ihm dazu, fingergroße Korkmännchen zu Abbildern scheinbar mythischer Totems aufzublasen. Dennoch war die Fotografie wohl Mittel, aber nicht Ziel seiner künstlerischen Bestrebungen. Mit kartesianischer Klarheit untersucht Christian Boltanski die Zusammenhänge von Weltbild und kurrenter Bilderwelt, sucht in den Zeugnissen dieser die Umrisse jenes zu entdecken und unserem geistigen Zugriff verfügbar zu machen. Daß er dabei auf Spuren attavistischer, längst versunken geglaubter Seeleninhalte stößt, überrascht nur denjenigen, der vermeint, das atomistisch-rationalistische Weltbild der modernen Naturwissenschaften sei allgemein akzeptiert. Dem empirischen Künstler Boltanski geht es nicht um Spekulationen, sondern um Befunde. Allerdings stellen sich seine Befunde spielerisch ein, seine künstlerische Methode ist die des Spiels, der spielerischen Erkundung. Er montiert eine Welt aus dokumentarischen Versatzstücken, deren Realitätsbezug sich erst auf der Ebene der künstlerischen Imagination entpuppt. Ein Schattenspiel von Christian Boltanski gemahnt an einen gespenstigen ‚Dans macabre‘, ausgeführt von Gestalten, die an sichtbaren Fäden hängen. Ein Komplement dazu sind die zu Altären aufgeschichteten Bildkästen mit Fotografien zurückliegender Kindertage.

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