Titel: Inszenierte Fotografie II , 1986

Pierre Keller

Er bewundere Willem de Kooning und Francis Bacon, bekannte Pierre Keller in einem Interview. Gleichwohl ist sein bevorzugtes Ausdrucksmittel nicht die Malerei; es ist die Fotografie, häufig die Sofortbildfotografie. In thematischer Hinsicht scheinen seine Werke mehr mit den Gemälden Bacons als denen de Koonings gemein zu haben. Sehen wir genauer hin, stellt sich dies indes als bloßes Vorurteil heraus. Wie die Bilder der genannten Künstler handeln seine fotografischen Aufnahmen von Erotik und Sexualität, von Gewalt und Einsamkeit. Die Intensität, mit der Keller seine künstlerischen Vorstellungen verfolgt und die sich bisweilen zur schieren Obsession steigert, überträgt sich unmittelbar auf uns Betrachter. Keller zwingt zur Stellungnahme, keines seiner Bilder läßt uns unberührt. Jean-Christophe Ammann charakterisiert die Sexualität in diesen Bildern als eine ‚rituelle* und erblickt in ihr eine ‚anarchistische Energie*. Eine voll ausgelebte Sexualität akzeptiert keine Maßregel, ist Anarchie par excellence. Ist zugleich aggressiv und gewalttätig. Blitzende Messer und hervorspringende Muskeln bilden nicht zufällig beherrschende Motive dieser Arbeiten. Stärker noch als die Aggressivität ergreift uns die lastende Einsamkeit, die seine Fotografien ausstrahlen, die Verzweiflung, die Leere. Keller leuchtet die dunklen Seiten der menschlichen Seele aus, ohne sie indes zu dämonisieren. Er ist durchaus weltzugewandt und alles andere als ein Pessimist. Er inszeniert seine Ängste und Sehnsüchte und komprimiert daraus Bilder von beispielhafter Bedeutung. Dagegen wird sich mancher wehren. Doch wir übersehen gerne die Zärtlichkeit seiner Aufnahmen und die Verletzlichkeit ihrer Protagonisten. Weil wir uns dadurch stärker provoziert fühlen als durch die offenkundige Gewalttätigkeit und die schmerzliche Einsamkeit?

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