Titel: Inszenierte Fotografie II , 1986

Martin Kippenberger

Martin Kippenbergers künstlerisches Universum regiert ein dualistisches Prinzip. Bild und Text, mitunter handelt es sich auch lediglich um eine Legende, stehen in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander. Der Aufprall beider provoziert im Zuge der Rezeption häufig Gelächter. Das Gelächter hat nicht unbedingt befreiende Wirkung – meist ist es nur Ausdruck unverhohlener Irritation. Denn Kippenbergers Ziel ist zwar die Aufklärung über Zusammenhänge unserer Medienwirklichkeit, doch beschreitet er diesen Weg in der Regel über die ‚Umleitung‘ der Verunsicherung. Auch wenn er simple Kalauer nicht scheut – seine Haltung ist die eines Ironikers, der einerseits der Wirklichkeit, die er aufspießt, verfallen ist, andererseits in einer gewissen Zerfallenheit mit ihr lebt. Kippenberger mischt eigene fotografische Aufnahmen und solche aus dem Bereich der Massenmedien, verändert sie manchmal so, daß ihr Ursprung nicht erkennbar ist. Außerdem spielt er mit dem Anspruch auf ‚Wahrheit‘ der fotografischen Aussage, entlarvt ein fotografisches Bild als ‚Fälschung‘ nur, indem er es in einem anderen Kontext als dem eigentlichen hineinmanipuliert. Kippenbergers künstlerische Welt ist ein Gespinst aus Wahrheit und Lüge, aus dokumentarischem Bildreport und purer Fiktion. Saubere Grenzlinien zwischen den verschiedenen Bereichen gibt es nicht. Kippenbergers fotografische Arbeiten bedienen sich wohlfeiler Muster der professionellen Fotografien, je abgegriffener, desto besser, und füllen die ausgelaugten Klischees mit neuem ‚Sinn‘ an, der sich jedoch meist als ‚Un-Sinn‘ tarnt. Wenn wir unterstellen wollen, daß die einzige mögliche Position gegenüber den Zeitläufen derzeit die des Ironikers ist, können wir Martin Kippenberger getrost als einen Nachfolger John Heartfields bezeichnen. Im Vergleich zu diesem ist er allerdings weniger kämpferisch….

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