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Titel: Inszenierte Fotografie II · S. 96 - 97
Titel: Inszenierte Fotografie II , 1986

Hanna Frenzel

Eine Kautschuk-Membrane, unter einer Saaldecke befestigt, aus der Vogel- oder der Froschperspektive angestrahlt, bildet sowohl die Spiel- als auch die Projektionsfläche eines ungewöhnlichen Projekts von Hanna Frenzel. »Hoch über den Köpfen der Zuschauer agiert die Künstlerin. Ihr Körper erscheint als schwarze Silhouette, als Schattenriß, der sich in gleichsam gefrorenen Bewegungen in die elastische, weich sich dehnende Haut eindrückt. Langsam versucht sie, die Dimension der Folie zu erfassen – zu begreifen. Der Bewegungsablauf produziert ständig sich wandelnde Bilder – die Kontur der menschlichen Figur scheint sich zu verlieren, wird gestaltlos, um dann als Körper neu faßbar zu werden. Die Performance dauert nur kurz, weniger als 10 Minuten. Die Kürze der Zeit schützt die Intensität« (Mären Kruse). Unter der Folie befanden sich eine Videokamera und ein Fotoapparat; die Künstlerin hat ihre »Vorstellung« aufzeichnen lassen. Obwohl letzteres – oberflächlich betrachtet – die einzig direkte Beziehung zur Fotografie ist, und die Künstlerin auch nicht die manuelle Urheberin der fotografischen Bilder, ergeben sich bei näherer Beobachtung dennoch eine Fülle unterschwelliger Verbindungen zur fotografischen Praxis. Die Kautschuk-Membrane ist nicht nur Aktions- oder Spielfläche, sie ist auch Projektionsebene einer künstlerischen Handlung, die sich in vermittelter Form entfaltet. Diese Form hat die Künstlerin gewählt, um unsere Fantasie anzuregen. Erst unsere Fantasie knüpft die Assoziationen, die notwendig sind, Hanna Frenzels künstlerische Absichten voll zu erfassen, zu erleben. »Ein Mensch, der unter Druck steht. Der Körper im tödlichen Wettstreit seiner inneren und äußeren Kräfte. Den Druck wie ein Vakuum spüren, das ihn einsaugt und zu zerreißen droht. Der Einzelne und Vereinzelte im Scheitern seiner individuellen Utopie. Am Anfang noch vorwärtsschreitend, danach sich auf seinen Kopf stützend, auf Händen und Füßen kriechend, am Ende mit seinem gesamten Körper auf dem Boden liegend, sich hin- und herwälzend, den Körper zu einem Knoten gekrümmt. Das Unerträglichste in Bewegungsabfolgen, die Wandelbarkeit als Konstante. Die Gleichzeitigkeit von oben bis unten«, kleidet Walter Aue die Intention in Worte. Hanna Frenzels Performance schlägt eine Brücke zu den technisch-elektronischen Medien Fotografie und Film. Sie und andere – vornehmlich – Künstlerinnen haben unsere Sinne geschärft für die inszenatorischen Bestandteile einer jeden Fotografie, so daß es uns in der Wirklichkeit leichter fallen sollte, zwischen inszenierter Wirklichkeit und »künstlerischer« oder künstlicher Inszenierung zu unterscheiden.