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Ausstellungen: Berlin · von Peter Funken · S. 337 - 338
Ausstellungen: Berlin , 2000

Peter Funken
Daniele Buetti – perfect guide

museumsakademie berlin, 18.9. – 30.10.1999

In den späten 80er Jahren wurde er durch sein „Flügelkreuz“ bekannt, das in der Art eines universellen Zeichens oder Markenemblems für Daniele Buetti und seine Kunst stand. Mit dem „Flügelkreuz“ labelte Buetti – 1955 in Fribourg/Ch geboren – nicht nur Kleidung und Gebrauchsgegenstände, sondern auch die eigene Person, die somit wie ein Konsumgut am Markt firmierte.

War schon die lateinische Spruchweisheit „Fiat modes pereat ars“ (frei übersetzt „die Mode ändert sich, doch ewig währt die Kunst“) dem Dada-Max Ernst zu Kölner Zeiten so suspekt, dass er damit seine 1919 entstandene Litho-Serie mechanisierter Glieder- und Kleiderpuppen betitelte, so leuchtet spätestens nach der Sponsorenattacke des Herrenausstatters Hugo Boss auf das New Yorker Guggenheim Museum ein, dass von nun an das Image das Imago ersetzt hat und dass Versace eher ein Vorbild für die Kunst ist denn umgekehrt.

Wir haben es also seit geraumer Zeit damit zu tun, dass zeitgenössische Leitbilder zunehmend aus dem Film, dem TV und der Mode stammen, – die Kunst hingegen Formen der Werbung und Mode adaptiert und zuweilen zeitkritische Kommentare liefert.

Auf diesen Zusammenhang und seine Implikationen reagiert Daniele Buetti in seiner Ausstellung in der „museumsakademie berlin“ – einer großflächigen Galerie auf dem unrenovierten Nachbargelände der proper renovierten Hackeschen Höfe.

Buettis Installation „perfect guide“ besteht aus zahlreichen Tableaus, Video filmen und Stellwänden, aus Sound, bewegtem Licht und hinterleuchteten Schriftzügen.

In der changierenden Beleuchtung einer selbst gebastelten Discokugel trifft man hier auf die Schönen und Superschönen aus den tonangebenden Modejournalen – man erspare mir bitte die Aufzählung der vielen Namen von Modells, deren inszenierte coolness letztlich um einiges bedeutungsloser ist als der Umstand, dass sich mit ihrer vorgespielten Lässigkeit Milliarden verdienen lässt.

Buetti berührt all diese Körper mit seinen Inskriptionen und führt sie – zumindest in Form einer symbolischen Aneignung – dahin zurück, wo sich Banalität und Bewunderung begegnen – mitten ins Leben mit seinen Wünschen und Träumen, erfüllten und unerfüllten Hoffnungen, Sehn süchten und Schmerzen. Von daher funktioniert seine Installation natürlich auch wie eine Karikatur der härteren Spielart, denn oft hat er die pickel losen Gesichter der Modells mittels einer Einschreibe-, Narbenstich- und Tattoo-Technik versehrt, die sich von hinten durch das bedruckte Papier drückt, und so den Eindruck entstehen lässt, die Gekonterfeiten seien einer besonders zynischen Straßengang in die Hände gefallen und nun mit den Namen ihrer Auftraggeber im Gesicht für alle Zeiten markiert und entstellt.

Irgendwie entspricht dies der Wahrheit – zumindest ist es eine Wahrheit Buettis, der auf der Text- und Schreib ebene all die hoffnungslosen und dem West-Hirn so bekannten Plattitüden zitiert, – all die Sätze, Fragen und Sprechblasen der Pubertät und Regression, die anscheinend zum bedingungslosen Schicksal der Gesellschaft geworden sind: „I dream of you“, „love me“, „I miss you“, ist da zu lesen, „take me home“, „wish you were here“, „trust me“, “ could a dream be enough“ oder „How many years will I live?“. Im Grunde sind dies die richtigen Fragen und wichtige Sätze – wenn man denn, dadurch dass man sie lange genug gestellt und gesagt hat, zu dem Ergebnis gelangt, dass das Leben keinen vorbestimmten Sinn hat, dass Träume Träume sind und man meist doch nur das gesucht hat, was man fand. Passend zu diesen Phrasen der Hoffnung und Sehnsucht und konträr zum vorgespiegelten Schönheitsideal der Modezeitschriften, besteht die Konstruktion von Buettis Installation aus zusammen geschusterten und einfach montierten Lattengerüsten, Styroporversteifungen und simpel verlegten Elektroleitungen, die mit Tape befestigt wurden. In diese Konstruktion erhält man Einblick, sie soll nicht verborgen bleiben und bestimmt den gesamten Eindruck von „perfect guide“ genauso, wie die anderen Gegenstände, wie die Texte, Fotos, Videos und Lichteffekte. Anrührend wirkt dies, – so hinfällig und nur für kurze Zeit gedacht, als wolle Daniele Buetti uns überdeutlich zeigen, dass all der Glamour und die Glorie keine wirkliche Tiefe besitzen, nur der Zeit entliehen sind, von der Improvisation leben und jederzeit verschwinden können – ähnlich einem Jahrmarkt oder Zirkus.

Daniele Buetti arbeitet bei „perfect guide“ immer wieder mit dem Beleuchten von Bild und Schrift, sticht ganze Sätze in Folie, die dann von hinten illuminiert sind und macht mit solch simplen Techniken seine Installation transparent und einsichtig.

Was ihm gelingt ist ein, trotz aller Buntheit, melancholischer Kommentar zu einer komplexen Zivilisationserscheinung, und so schafft er in der überbordenden Anzahl von Fragmenten und Details ein Abbild der sich verzettelnden Kultur, die sich in ihrer Oberflächlichkeit mit Oberflächenphänomen begnügt.

Nicht in der Aussage, aber in seiner Arbeitsmethode – also dem Verarbeiten einer unglaublichen Materialfülle auf begrenztem Ausstellungsraum – besitzt Daniele Buettis Installation Parallelen zum Vorgehen von Thomas Hirschhorn und Torsten Haake-Brandt, der übrigens sofort nach Buetti in der „museumsakademie“ ausstellt.

In den 90er Jahren hat das „Prinzip Verzettelung“ und die Inszenierung durch „Überschwemmung mit einfachen Mitteln“ eine Renaissance erlebt, nachdem es ursächlich ein Stilmittel kryptischer Vermittlung war, etwa bei Arno Schmidt, oder von feministischen, endlich zur Sprache kommenden Künstlerinnen benutzt wurde. Jedenfalls steht bei dieser Form der verzettelten Entäußerung das „zur Sprache bringen“ und „zu Wort kommen“ im Zentrum. Sucht man nach weiteren Quellen, so stößt man auch auf Fotos der Pariser Akademie de Beaux Arts und ihrer Druckwerkstätten im Mai ´68, als sich die freie Meinung ihre Plakate schuf und das subjektive Wort die Wände zu erobern begann.