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Ausstellungen: Köln · von Heinz-Norbert Jocks · S. 327 - 331
Ausstellungen: Köln , 2006

Heinz-Norbert Jocks
Das achte Feld

»Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960«
Museum Ludwig, Köln, 19.8. – 12.11.2006

Die Vorgeschichte

Der Gang durch die Ausstellung „Das achte Feld“ weckt Erinnerungen an vier Nachmittagsvorgespräche des Autors mit Kasper König über eben die Möglichkeit einer solchen Grosschau, wie sie jetzt im Museum Ludwig eröffnet wurde. Am Ende der vorletzten Gesprächsrunde überraschte der gastfreundliche Hausherr seinen spendablen Ideengeber mit den ganz beiläufig eingeflochtenen Worten, hier aus der Erinnerung wiedergegeben: „Herr Jocks, vielen Dank dafür, dass Sie mich auf den Weg gebracht haben. Ohne sie wäre ich wohl kaum in einen solchen Zug eingestiegen. Da bin ich Ihnen schon sehr dankbar. Doch inzwischen habe ich mich kundig gemacht und einen anderen Lokführer ausfindig gemacht. Sie können aber versichert sein, dass Sie in meinem Vorwort Erwähnung finden werden.“ Gesagt, getan.

Der Name des Auserkorenen fiel damals noch nicht. Er wurde mir erst über andere zugetragen, die von meinen Treffen mit König und dem Ausstellungsplan wussten und mich deshalb fragten, was denn da wohl vorgefallen sei. Darunter sowohl in der Ausstellung vertretende Künstler als auch die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, die mit dem in Berlin lebenden Gastkurator Frank Wagner befreundet ist und mit der ich damals nahezu freundschaftlichen Umgang hatte. Eigentlich sollte sie als Autorin, von ihm dazu ermuntert, mitwirken. Für sie ist Thomas Meinecke eingesprungen. Passend zum Sujet hat er bei Suhrkamp jetzt den lesenswerten Erzählungsband „Feldforschung“ veröffentlicht.

Im Bistro des Museums einen Café Crème schlürfend, entdeckt man um sich herum lauter Besucher mit dem Taschenbuch in der Hand, das einem im Gegensatz zum schweren Katalog mit der Eintrittskarte gratis ausgehändigt wird. Darin geht es um Kunstwerke ebenso wie um historische Ereignisse, die ein anderes Verständnis der Kultur ermöglichen, worum sich in der Schau alles dreht. Nachvollziehbar wird da die bizarre Geschichte einer aus Gerüchten, Klatsch und Tratsch gespeisten Subkultur, deren Hauptmotor die normensprengende, das enge Korsett sexueller Identitätszwänge lockernde Musik ist. Insgesamt 50 Titel von ABBA über Amanda Lear, Madonna, Patti Smith, Donna Summer, T.Rex bis zu The Velvet Underground und X-Ray Spex wurden da von Wagner & Meinecke als beschwingendes Illustrationshörmaterial zusammengestellt. Über den Audio-Besucherguide abrufbar, ergänzt der Soundtrack den manchmal didaktisch werdenden Rundgang um einen unhintergehbaren Aspekt, ohne den der unaufhaltsame Aufstieg der Ästhetik einer zuvor ausgegrenzten Minderheit zum beinah alle Differenzen tilgenden Mainstream heute undenkbar wäre. Darum hatte der Schreiber dieser Zeilen sich auch für die Einbeziehung von Musik, Film und Literatur ausgesprochen, wenn auch nicht exakt in gleicher Weise, wie es jetzt erfolgt ist. Überhaupt stimmen die Konzepte samt Künstlerliste in vielem überein. Einige Akzente sind anders gesetzt, und die Perspektiven etwas verschoben. Auch die Handschrift ist natürlich nicht dieselbe. Und die Gliederung wäre sicherlich ebenfalls anders ausgefallen. Denn mir schwebte eher eine Reise durch die Welten vom anderen Ufer vor. Unterwegs sollten auch die kulturellen Unterschiede gestreift werden, wie sie sich in der wunderschönen Fotoserie „Myself Mona Ahmed“ von Dayanita Singh ankünden.

Weder über die Übereinstimmungen noch über die Parallelen zwischen Projizierten und Ausgeführten konnte König in einem vierten Gespräch verbal hinweggaloppieren. Es fand im Beisein von Julia Friedrich statt, der damals zwischen Berlin und Köln im Namen des Museums pendelnden Co-Pilotin. Er jedenfalls glaubte, schon mit der Idee vom „Achten Feld“ sei ein merklicher Abstand zur Erstkonzeption in Progress formuliert. Das aber ist so eindeutig nicht der Fall. Wer sich neben seiner Beschäftigung mit Queer-Art und Gender-Problematik auch noch in Schriften von Michel Foucault und Judith Butler vertieft hat, von der übrigens in dem Katalog ein aufschlussreicher Originalbeitrag über „Transgender und den Geist der Revolte“ abgedruckt ist, setzt sich zwangsläufig mit Fragen der Maskierung, mit Maskeraden, mit Verwandlungslust, mit dem variablen Konstrukt der Identität, deren Wechsel auf die andere Seite des Geschlechts, mit der Genese der Selbst-Konstituierung, mit den Folgen der Sexualität, mit LOVE und AIDS, mit Wunschwelten ebenso auseinander wie mit den Orten des Begehrens und dort kursierenden Codes. Er kann gar nicht anders. Es springt ihn aus den Bildwelten förmlich an.

Übrigens war es ein Herzensanliegen der an Krebs verstorbenen, Randgruppen recht aufgeschlossenen Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer, dem Tatbestand, dass Köln neben Berlin eine Hochburg für schwul-lesbisches Leben ist, einmal in Form einer profunden Ausstellung Rechnung zu tragen. Doch konnte sie ihren Museumsmann, wie sie mir einmal erzählte, dafür nicht wirklich erwärmen. Da fehlte es wohl noch an weiteren Auslösern, damit es zur jetzigen Großschau über „Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“, so der Untertitel, hat kommen können. Als deren niedlich dreinschauender Vorbote wurde schon zum 14.Juli, dem Christopher-Street-Day, der rosafarbene Post-Michelangelo-David mit goldglänzendem Haupt- und Schamhaar aus dem Atelier von Hans-Peter Feldmann vor dem Museum aufgestellt. Mit dem Rücken zum Dom blickt er über den Rhein aufs andere Ufer. Die mit etwas Kitsch flirtende Verschwulung der berühmten Florentiner Skulptur aus Marmor blieb jedoch so gut wie unkommentiert. Ein Zeichen der Ignoranz, der Toleranz oder der Gleich-Gültigkeit? Man kann es nur vermuten.

Der „Homoerotische Blick“ als Ausgangspunkt

Soweit erst einmal die Vorgeschichte einer Ausstellung, die sich kaum kritisieren lässt, weil mit ihr endlich nachgeholt wird, was seit Jahren überfällig ist. Dass sie aber trotz erheblicher Verspätung immer noch rechtzeitig kommt, weil die Demokratien doch noch nicht so frei sind, wie sie es dem Gesetz nach sein wollen, und weil das Coming Out immer noch weltenverbiegende Konflikte in Familien sowie schwere Seelenkrisen auslöst, verdeutlicht die Reaktion des Kölner Kulturdezernenten. Im letzen Moment ließ er ein Plakat verbieten. Dabei handelt es sich um einen fotografischen Blick von unten auf das nackte Gesäß und Geschlecht eines männlichen Rockträgers. Er ist der gar nicht so spektakuläre Teil einer Dreierserie von Wolfgang Tillmans. In unironischer Manier zeigt sie die auf die 60er Jahre anspielende Seifenblasenatmosphäre einer Glücksgesellschaft im Park unter freiem Himmel. In ihrer Mitte mutet der Anblick heißer Küsse zwischen Jungs, statt voyeuristisch, so schön wie selbstverständlich an.

Wenn man sich nun fragt, was die Zusammenstellung der über 250 Werke von insgesamt 89 Künstlern bietet, so gibt der dem Schachspiel entlehnte Titel der Ausstellung einen ersten Wink. „Das Achte Feld“ verweist auf eine selten angewandte Regel des Schachspiels. Danach verwandelt sich der Bauer, also die in der Hierarchie der Figuren unbedeutendste, sobald sie das achte Feld erreicht hat, in eine Dame. Da wird mit dem Leibeigenen, der zur Herrscherin mutiert, der Mann zur Frau. Um diesen Geschlechtertausch kreist unter anderem die Schau. In ihr geht es um die Übergänge zwischen den Geschlechtern. Dabei wird die Frage nach der Geschlechterrolle ebenso gestellt wie die nach der Identität als vielgestaltiges Konstrukt. Dessen Spannbreite reicht von Hetero- über Bi- und Homo- bis zur Trans- und Intersexualität. So werden in der Abteilung „Weiblich/Männlich“ Deborah Kass, Annette Messager, Andy Warhol, Valie Export, Ingo Taubhorn, Daniel Comani, Jürgen Klauke, Adrian Pieper, Cindy Sherman thematisch zusammengezurrt. Inhaltlich ist das zwar nachvollziehbar. Doch spannende Dialoge auf visueller Ebene finden kaum statt. Vieles greift da gar nicht ineinander. Es wirkt mehr wie eine Addition.

In seinem Vorwort nennt König den Kunstforum-Band als „Ausgangspunkt“ so, als sei es nie zu einem unmittelbaren Austausch über Queer Art und Gender Studies in seinem Büro gekommen. Zu spüren war bei ihm damals ein aufrichtiges Interesse, mehr zu erfahren und auch mehr zu sehen, aber gepaart, wie mir damals schien, mit unterschwelligen Vorbehalten. Sie drückten sich darin aus, dass er konzeptionelle Ansätze solchen vorzog, die mehr auf phänomenologisches Zeigen zielen. Zudem unterstellte er seinem Gegenüber fortwährend einseitige Neigung zu den Letztgenannten. Gegen diese Haltung, die da eine unüberbrückbare Kluft behauptete, wo eigentlich gar keine bestand, war kein noch so rationales Argument gewachsen. Um so erstaunlicher, dass in der etwas sperrigen, sich auf zwei Etagen, in der Vorhalle, im Kassenraum sowie in den Treppenhäusern erstreckenden, bewusst zwischen Peripherie und Zentrum vermittelnden, das Ineinander von Privat und Öffentlich widerspiegelnden, aus Hallen, Abwegen, Neben- und Randräumen bestehenden und Orte, die sonst nie als Ausstellungsraum benutzt werden, einbindenden Holzmaserungsarchitektur von Eran Schaerf sich auch die Drastik der Ledermännerdarstellung aus dem gezeichneten SM- Milieu eines Tom of Finnland als Zitat in einer Sonderbearbeitung per Garnfaden auf Anzugstoff von Jochen Flinzer wiederfindet. Wenn auch gänzlich anders als, wie jetzt umgesetzt, strebte auch der Autor eine auf Gegensätze beruhende Melange aus ganz unterschiedlichen Positionen an. Den von Kasper König etwas stereotyp vorgetragenen Dauereinwand gegen einige Künstler deutete der Autor insgeheim so, als wehre sein Gegenüber die unversteckte Repräsentation gleichgeschlechtlicher Kontakte mit Händen am anderen Leib, also von Körper zu Körper, als Unkunst ab. Vielleicht erschien es ihm aber auch als Provokation. Ich gestehe, es nicht in Erfahrung gebracht zu haben. Jedenfalls entgegnete ich, der eigentliche Skandal sei immer noch der Körper als Objekt gleichgeschlechtlicher Begierde. Er sei trotz allgemeiner Liberalisierung, weil sie nicht im Innern aller Individuen angekommen sei, noch immer Stein des Anstoßes. Um wahr zu sein, dürfe er in einem solchen Kontext nicht ausgeblendet werden. Entsprechend gelangt er jetzt zur vollen Ansicht.

Die Klassiker im Abseits

Beispielsweise in einem illusionistischen Gemälde von Attila Richard Lukacs, das dem Eingangskapitel der Ausstellung „Selbstvergewisserung über Zeichen“ zugeschlagen wird. Es zeigt zwei sich in Armen haltende Kahlköpfige, offensichtlich Skinheads, auf einem von Hasen so triebig bevölkerten wie mit Mohnblumen rot bespickten Wiesenfeld, an dessen Horizont ein schwarzweißes Hakenkreuzsymbol als Sonne auf- oder untergeht. Der Rechte mit steifem Penis hat eine Hand zum Gruß erhoben, während der Linke, lediglich mit einer grünen Jacke bekleidet, per Mittelfinger sein reizendes Du-kannst-mich-mal zum Besten gibt. Als amouröses Treffen bezeichnet der Maler dieses offene Miteinander der Zeichen. Ein anderes, dem Kapitel „Sexy Machismo“ einverleibtes Einzelbild, das sich in seiner Deutlichkeit der Repräsentation purer Körperlichkeit kaum überbieten lässt, ist der legendäre „Blutsturz“ von Salomé. Imaginiert ist da die brutale Gewaltszene in einem sadomasochistischen Playroom mit blutigen Folgen. In der Abteilung „Orte des Begehrens“ findet sich zudem eine Fotoserie zur Lederszene aus der Dunkelkammer von Robert Mapplethorp, dem Experten für die Bildwerdung des obskuren Spiels von Demütigung und sexueller Unterwerfung. Klar ist, dass all diese Werke nicht allein zu unserem ästhetischen Genuss entstanden oder aufgehängt worden sind. Sie wollen uns moralisch, inhaltlich und ästhetisch in Anspruch nehmen. Fordern heraus, greifen an, provozieren, lösen bei dem einen oder anderen auch Entsetzen aus oder stoßen auf Unverständnis. „Jemand müsste schon ziemlich abgebrüht sein“, so formulierte es Arthur C. Danto einmal vor Jahren, “ um im Triptychon >Jim and Tom, Sausalito 1978< - auf allen drei Tafeln eine Szene, die Jim offensichtlich in Toms begierigen Mund pissend zeigt - ein besonderes gutes Beispiel für einen Gelantinsilberdruck zu sehen." Genau dieser Dreiteiler befindet sich in der Ausstellung.

In ihr sind Fotos so in der Überzahl, dass sie die Gemälde regelrecht wegputzen. Obgleich es sich dabei um wahre Klassiker wie Bacon, Twombly, Jasper Johns oder Hockney handelt, werden sie an den Rand der Aufmerksamkeit geschleudert, wo sie ganz gewiss nicht hingehören. Bewirkt wird diese Verkleinerung wider Willen nicht nur historisch wichtiger Positionen dadurch, dass sie entweder so kombiniert sind, dass sie ihre Wirkung fast gänzlich einbüßen. Oder sie werden so isoliert, dass sie in ihrem Für-Sich-Sein plötzlich verstummen. Teils hängen sie so verloren herum, dass es arg mühselig ist, herauszufinden, warum sie überhaupt da sind. Die Gründe, warum das Gemälde „15′ Entr’acte“ von Jasper Johns neben dem bereits erwähnten Beitrag von Tillmanns in der Abteilung „Freunde“ als Endpunkt hängt, sind beim besten Willen nicht ermittelbar. Überhaupt funktionieren viele Korrespondenzen nur im Kopf. Als Rendezvous zwischen Bildern wirken sie manchmal geradezu halsbrecherisch. Die Gemälde, denen man mehr Gesellschaft wünschte, vertragen sich jedenfalls weder mit dem visuellen Umfeld, worin man sie gestopft hat. Noch widersetzen sie sich ihm so produktiv, dass ihnen dadurch etwas entlockt wird, was sie sonst von sich aus nicht so ohne weiteres preisgeben. Ja, es scheint, als stünde hinter dieser Beschränkung auf wenige Gemälde eine Hinwendung zur Fotografie als ein der speziellen Thematik aufgeschlosseneres Medium. Auch das Video kommt da besser zur Wirkung. Vielleicht allein deshalb, weil es ein Medium ist, dass, sofern subtil eingesetzt, den Zuschauer stärker in sich hineinzieht. Bilder, die Bewegung suggerieren, üben mehr Sog aus. So zu erleben bei Tracey Moffatt, deren „Heaven“-Video als Beispiel für „Sexy Machismo“ engagiert wurde. Aus einer Voyeursperspektive, die zur unsrigen wird, filmt sie australische Surfer beim Umkleiden auf Parkplätzen. Dabei erkundet sie deren männliches Schamverhalten, das ihren Machismo seltsam bricht. Auch darüber würde man in der Ausstellung gerne mehr erfahren. Aus ihr kommt man gewiss nicht mit leerem Kopf heraus.

Zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz ein 303seitiger, 39,80 Euro teurer Katalog erschienen. Mit Texten von Frank Wagner, Judith Butler, Julia Friedrich, Douglas Crimp, Dietrich Dietrichsen, Harald Fricke. u.a.

von Heinz-Norbert Jocks

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