Ausstellungen: Essen , 2015

Jürgen Raap

Der Schatten der Avantgarde

»Rousseau und die vergessenen Meister«

Museum Folkwang Essen, 2.10.2015 – 10.1.2016

Die Zivilisationsmüdigkeit, die Paul Gauguin 1891 nach Tahiti trieb, um dort einem einfachen Leben in einer paradiesischen, unberührten Natur nachzuspüren, entsprach einem Zeitgeist, den er mit vielen europäischen Künstlern und Intellektuellen teilte. Die Städte wuchsen in den Gründerjahren rasant zu riesigen grauen Metropolen heran; rauchende Industrieschlote prägten die Landschaft. Als Gegenreaktion entstanden um 1900 anti-industrielle und (lebens)reformerische geistige Strömungen, und gleichzeitig in ihrem kulturellen Gefolge dann auch in der Kunst eine Begeisterung für einen „Primitivismus“, dessen idealen Ausdruck Pablo Picasso und seine Zeitgenossen in der Kunst afrikanischer und indigener Stammesvölker fanden, und deren Formensprache sie dann im Kubismus adaptierten. Eine Generation später bewunderte der Surrealisten-Papst André Breton neben den „primitiven Völkern“ auch noch das bildnerische Schaffen von „Kindern und Geisteskranken“ als einen von der „Vernunft, Ästhetik und Moral“ unbeeinflussten und damit zivilisatorisch unverbildeten Ausdruck menschlichen Empfindens.

Die Sehnsucht nach einer unverdorbenen, gleichwohl nach darwinistischen Regeln funktionierenden Wildnis beflügelte auch den Zollbeamten Henri Rousseau, der allerdings Frankreich nie verließ und die motivliche Inspiration für seine Dschungelbilder im Zoologischen Garten und im Jardin des Plantes gewann. Drei dieser großformatigen Bilder mit einem Tiger, der einen Büffel reißt und mit einem Löwen, der sich über seine Beute hermacht, sind neben kleineren Porträts von Rousseau zentrale Werke in der Ausstellung, die Kasper König und Frank Wolf für das Essener Folkwang Museum kuratiert haben, um auf die nicht-akademischen Künstler im „Schatten der Avantgarde“ aufmerksam zu machen.

Obwohl sie das Kunstverständnis der Moderne des…

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