Ausstellungen: London , 1999

Jörn Ebner

Der Zustand des Tafelbildes

»Examining Pictures: Exhibiting Paintings«

Whitechapel Art Gallery, London, 7.5. – 27.6.1999

Etwa auf halber Strecke hängen zwei Leinwände, auf denen Linien und Punkte auf mehreren Waagerechten miteinander korrespondieren: Carsten Nicolais Subsyn von 1998 ist ein Symptom jenes Virus, der in der Londoner Whitechapel Art Gallery einer Routineuntersuchung unterzogen wird: das gemalte Tafelbild. Zugleich ist Nicolais Notation – Punkte an einem Strang, mal zerfasernd, mal klar abgegrenzt – aber auch eine Gleichung für die Ausstellungskonzeption. Die Kuratoren Fransceso Bonami vom Museum für zeitgenössische Kunst zu Chicago und Judith Nesbitt von der Whitechapel wollen schlicht vom Reichtum zeitgenössischer Malerei berichten. Anlass zur Untersuchung sehen sie im deren gehäuftem Auftreten in der gegenwärtigen Kunstpraxis.

Der Ausstellungstitel, Examining Pictures, entstammt einem Textgemälde von John Baldessari, das die Frage nach Form und Inhalt von Bildern aufwirft. Groteskerweise werden beide Aspekte für die Schau beiseite geschoben. Es handelt sich hier um keine historisierende Bestandsaufnahme, sondern um Bezugsfelder malerischer Praxis der letzten vier Jahrzehnte. 60 Künstler sind mit jeweils einem Exemplar vertreten. Vom Farbfeld über ideologische und strukturelle Untersuchungen bis hin zum lustvollen Abbilden jüngerer Künstler. Da hängen Damien Hirsts Schmetterlinge auf rosa Hintergrund nahe Ian Davenports eleganter Gussfläche und einem Gemälde des Wortes ‚Paint‘ von Jannis Kounellis, eine verschwindende Nebelfigur von Peter Doig unweit der teils faden-bestickten Landschaft von Michael Raedecker.

„Eine künstlerische Idee entspringt der dynamischen Notwendigkeit und weniger der Phantasie“, heißt es in Dietrich Orths Feuer-Frier-Effekt von 1987: was bei ihm jedoch auch eine gewisse Entschiedenheit für die Auseinandersetzung mit der bildnerischen Produktion beinhaltete,…

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