Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 210
Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

Die Entstofflichung des Geldes

Das Naturalgeld der Ur- und Frühkulturen bestand aus Materialien, die man in der Natur fand: Reiskörner, Muscheln, Steine, Perlen, Metall. Bereits Münzen und Scheine zeigen eine Abstraktion gegenüber diesem Naturalgeld, und beim heutigen Telebanking hat sich das Geld vollends virtualisiert. Welche bewusstseinsmäßigen und gesellschaftlichen Implikationen diese Entstofflichung hat, wie künftige Generationen damit umgehen, dass „Cybergeld“ nicht mehr jene gestische Funktion hat wie stoffliches Geld, ist noch nicht abzusehen. Auf die komplexen und abstrakten Geldkreisläufe in der globalen Finanzwirtschaft reagieren Künstlergeldaktionen mit dinglich gebundenem Tausch in überschaubaren Wirtschaftskreisläufen.

An den internationalen Devisenmärkten werden heute weltweit täglich etwa 1.500 Milliarden Dollar umgesetzt. Allein in Deutschland, Japan und den USA sind 25.000 Milliarden Dollar nur in Investment-Fonds festgelegt. Die privaten Vermögen in Deutschland wurden 1998 auf 5,3 Billionen Mark geschätzt. Schon allein die „astronomisch“ anmutende Höhe solcher Summen zeigt eine Abstrahierung von Realwerten.

Das sinnlich fassbare, materielle Bild der Darstellung von Werten auf Geldscheinen oder Aktienpapieren und die jeweils aktuelle ökonomische Kaufkraft sind voneinander abgekoppelt. Bei einem Stück Wertpapier können Nennwert und Kurswert unterschiedlich hoch sein.

Eine Entkoppelung des zahlenmäßigen Wertes vom Vorhandensein geldlicher Materie (Scheine, Münzen) findet bereits bei der sogenannten „Giralgeldschöpfung“ statt: alle DM-Scheine und Münzen, die derzeit vor dem Euro-Umtausch noch in Umlauf sind, ergeben nur rund 260 Milliarden Mark. Die deutschen Banken verfügen jedoch über Geldwerte von über 7,8 Billionen DM. Sie müssen nur eine Mindestreserve von 2 % zurückhalten, ansonsten können sie dasselbe Geld immer wieder neu verleihen.

Was sie nämlich dem einen Kunden an Krediten geben, fließt…

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