Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Jean-Francois Lyotard:

Die Erhabenheit ist das Unkonsumierbare

EIN GESPRÄCH MIT CHRISTINE PRIES AM 6.5.1988

CP: Das Erhabene ist in Mode, und daran sind Sie nicht ganz unschuldig. Sie haben in ganz unterschiedlichen Kontexten und zu verschiedenen Gelegenheiten vom Erhabenen gesprochen. Könnten Sie kurz beschreiben, worin Ihr Interesse am Erhabenen besteht?

JFL: Das ist eine lange Geschichte. Ich denke, mein Interesse am Erhabenen hat vor allem mit Kant zu tun, das heißt mit der Wiederaufnahme der Kantischen Fragestellung in Au juste, das ja nach der Ökonomie des Wunsches eine ‚Wende‘ brachte. Mein junger Freund Jean-Loup Thébaud rief mich an und sagte: „Nach der Ökonomie des Wunsches gibt es nichts mehr zu sagen. Was machen Sie mit der Politik und der Ethik?“ Da das genau die Frage war, die ich mir auch gerade stellte, haben wir diskutiert, und auf diese Weise ist Au juste zustandegekommen. Gleichzeitig habe ich wieder angefangen, im Seminar Kant zu lesen, übrigens eher die zweite Kritik und einzelne Abschnitte der Dialektik der ersten Kritik. Nach und nach habe ich gemerkt, daß das reflektierende Urteil das eigentlich Wichtige ist. Also habe ich die dritte Kritik, die Analytik des Schönen, aufmerksam gelesen, die immerhin eine alte Leidenschaft von mir war und eigentlich schon in Discours figure vorkommen sollte. All das in einer Atmosphäre tiefer Zuneigung zu dieser merkwürdigen, zugleich kindlichen, genialen, komischen und ernsthaften Person. Und danach die Lektüre der völlig dunklen Analytik des Erhabenen und des ganzen Kontextes: die Querelle des Anciens et des Modernes, Longinus, dessen Darstellung durch Boileau, der englische Korpus,…

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