Titel: Kunst und Philosophie · S. 326
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Ulrich Horstmann

Kunstvolle Entfernung

ANTHROPOFUGALE BILDWELTEN

Es macht keinen Spaß mehr im Überlandbus Philosophie. Nicht weil man durchgerüttelt und -geschüttelt würde nach Strich und Faden; schließlich hat sich die Liebe zur Weisheit jahrhundertelang auf Schusters Rappen durch die Welt bewegt, und in den Retourkutschen der Aufklärung mußte man froh sein, wenn man sich nicht mitten im Satz auf die Zunge biß. Der Grund liegt vielmehr in der mangelnden Aussicht. Die Zunft poliert nurmehr den Rückspiegel. Die Fenster rechts und links dagegen sind verkleistert und verklebt mit Tausenden von Seiten: Plotin, Duns Scotus, der doppelte Immanuel, mal vorkritisch, mal rein vernünftig, und wie die Plakateure noch alle heißen. Am ärgerlichsten allerdings die blinde Frontscheibe mit der Aufschrift: Das Prinzip Hoffnung. Und kaum daß die in den Achtzigern abzubröckeln begann, schwang schon ein anderer den Quast, um sich an eben dieser Stelle nicht weniger pastos zum Prinzip Verantwortung zu bekennen. Angeblich kann es jetzt klarsichtiger weitergehen. Aber ohne uns! Wir steigen aus, und zwar da, wo man mit Pinsel und Farbe so umgehen kann, daß einem nicht der Ausblick genommen, sondern die Augen geöffnet werden, bei der Kunst also.

Wozu erzähle ich diese Parabel? Um zu verdeutlichen, daß die historisch orientierte akademische Philosophie eine Art Spiegelfechterei geworden ist und wir in die Sehschule der Kunst gehen müssen, wenn uns unsere Umwelt interessiert, und mehr noch, wenn wir uns ein Bild davon machen wollen, was heraufdämmert.

Im letztgenannten Fall ist das philosophische Frageversäumnis besonders eklatant. Wie es sich für ein Jahrtausendende gehört, leben wir längst wieder vor apokalyptischen…

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