Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Hans M. Bachmayer

Die Paranoische Linie

ZUR TRIADE VON FORM, DRAMA UND POESIE

Und sie hielten es für ein Zeichen seines nahenden Todes,
daß er sich so leicht von einem verrückten
zu einem gescheitenMenschen umgewandelt habe.
(Cervantes, Don Quichotte)

Übermittelt ist von uns die von Maurice Denis im Jahre 1890 gemachte Aussage, daß „ein Bild, bevor es ein Schlachtroß, ein Akt oder eine Anekdote ist, eine Oberfläche ist, bedeckt mit Farben, die in einer bestimmten Ordnung gruppiert sind“. Demgegenüber wäre einzuwenden, daß ein Kunstwerk, bevor es sich zur formalen Versuchsanleitung visualisiert, bereits durch die „Niederungen“ des Lebens hindurchgegangen ist, aus denen es seine evokative Kraft zieht. Wir haben es hier mit einem Bruch der Sinnebenen zu tun, der einen Abgrund andeutet. In diese Spannungszonen sind das Sichtbare und das Sagbare einbezogen, um beide sowohl der Exzessivität des Todes zu überantworten als auch zu entreißen. Kierkegaard hat die Existenz als Krankheit zum Tode ausgewiesen, und Asger Jorn die Ästhetik als Kinderkrankheit charakterisiert.

Dazwischen bewegt sich die paranoische Linie. „Am Rand des Abgrunds droht die Schizophrenie“ (Liebrucks „Und“, Bern, Frankfurt, Las Vegas 1979, S. 34), denn, wie Liebrucks in seinen Kommentaren zur Hegelschen Philosophie sagt: „Aus dem Integrationszentrum der Normalen ist noch nie ein Vers entstanden. Das Gedicht entsteht am Rande des Abgrundes, der in der Hegelschen Logik den Namen des Widerspruchs hat“ (ebenda, S. 31). Dies gilt stärker noch für die innerste Bewußtseinsgeschichte, durch deren Gestalten und gebrochene Identitäten sich ein Riß zieht und die die Merkmale von Kunst, Traum, Phantasmagorien und Wahnsinn in zerbrochenen Spiegelbildern…

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