Titel: Kunst und Philosophie · S. 386
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Jean Baudrillard

Towards the vanishing point of art

Meine Beziehung zur Kunst und Ästhetik ist von jeher heimlich, zeitweilig unterbrochen und ambivalent gewesen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich im Grunde ein Ikonoklast bin, aus einer ethischen und metaphysischen, sprich politischen und ideologischen Tradition herkomme, die der Kunst und Kultur im allgemeinen immer mißtrauisch begegnet ist und die Trennung von Kultur und Natur, Kunst und Realität als eine zu banale Evidenz von jeher abgelehnt hat. Auf Kunst zu schwören erschien mir immer als eine zu naheliegende und einfache Lösung (ich meine damit die Dichtung ebenso wie die Malerei): Man sollte Kunst nur treiben und sich auf die Sonnenseite von Form und Schein nur stellen dürfen, wenn alle Probleme gelöst sind. Denn Kunst setzt voraus, daß alle Probleme gelöst sind, sie bringt keine Lösung für wirklich vorhandene Probleme, sie ist in ihrer Idealbestimmung die Lösung von Problemen, die sich gar nicht gestellt haben. Ich will mir aber Probleme machen. Die Kunst ist im eigentlichen Verführung, und da ich von letzterer mit Begeisterung gesprochen habe, will ich der der Kunst nicht erliegen. Deshalb habe ich über sie eher in Begriffen von Simulation und Simulakrum geredet – was eine, sagen wir, skeptische, kritische, paradoxe Position wiedergibt und eine Herausforderung darstellt sowohl für den naiven Umgang mit der Realität wie für jede naive Kunstausübung. Ich bestehe also auf der Tatsache, daß das, was ich zu sagen habe, von woanders herkommt, daß die Perspektive, die ich einnehmen kann, ein wenig abgelegen, ein wenig siderisch ist, daß sie jedoch…

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