Titel: Kunst und Philosophie · S. 162
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Dieter Henrich

Kunstphilosophie und Kunstpraxis

Ein Interview mit Fragen von Florian Rötzer

F.R.: Die Disziplin der philosophischen Ästhetik ist nicht nur eine moderne Erfindung, die in der Folge des Rationalismus aufkam, sondern sie hat erstmals auch die Verklammerung einer Theorie des Schönen mit den Künsten herbeigeführt. Gibt es denn seitens der Philosophie einen bestimmten Grund, warum es zu der Ausbildung dieser Disziplin kam?

D.H.: Wenn man fragt, welche Voraussetzungen diese Entwicklung erklärbar machen, so sind zumindest zwei zu nennen: auf der eigentlich philosophischen Seite eine Differenzierung des Erkenntnisbegriffes, – die Einsicht also, daß man in ganz verschiedener Weise und nach verschiedenen Organisationsprinzipien zu einer Erkenntnis kommen kann. Der Begriff und auch das Wort Ästhetik gehen auf diese Entdeckung zurück. „Ästhetik“ heißt ja: „auf Wahrnehmung, nicht auf abstrakte Begriffe begründet“. Dieser Entdeckung zufolge gibt es eine nicht in Begriffen und somit auch nicht über Argumente organisierte Erkenntnisweise, die nichtsdestoweniger legitim ist und die eine eigene Erschließungskraft hat. Sie beruht auch auf Prinzipien, die sich angeben lassen; und diese Prinzipien sollen durch die philosophische Ästhetik im Unterschied zu einer Logik der Erkenntnis verstanden und entwickelt werden, wobei Logik durch Begriffsgebrauch und als Theorie eines solchen Begriffsgebrauchs verstanden wurde. Man kann diese Überlegung noch erweitern, insofern im Zusammenhang mit der Entdeckung einer gewissen Pluralität von Realitätszugängen, die je in ihrer Weise einsichtsfähig sind, auch die Einsicht aufkommt, daß es neben der erkennenden Weltbeziehung ganz anders organisierte Weltbeziehungen und Antworten gibt, die in der Form von Emotionen, von Gefühlen und auch von Pathos erfolgen, aber gleichfalls eine Erschließungskraft…

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