Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Willy Hochkeppel

Transformation der Kunst und die Ästhetik der analytischen Philosophie

ODER LOSE GEDANKEN ZUM ZUSTAND ÄSTHETISCHER ZUSTÄNDE

Die zeitgenössische, moderne, postmoderne oder after-postmoderne Kunst hat in ihren tentativen Verläufen zweifellos Grenzen erreicht, die ihre Selbstaufhebung anzeigen und jedenfalls nahezu völlige Maßstabslosigkeit auch in ihrer Bewertung bewirkt haben. Die Maßstabslosigkeit in der bildenden Kunst, die gemeinhin den Präzedenzfall bildet, ist das Resultat jener endzeitlichen Stimmung, in der beinahe alles, nein, wirklich alles, zur Kunst erklärt werden kann. Es kommt jetzt nurmehr auf den Blick des Betrachters, seine Sehweise, seine Selektion und sein entsprechend sensibilisiertes Bewußtsein an, um jedes beliebige, artefaktische oder Naturding als Kunstprodukt zu sehen, es sich selbst zu entfremden und es für sich und wenn möglich auch für andere zum Kunstwerk zu proklamieren. Der Riß in einer Mauer, der bizarr geformte Ast, ein toter Seehund, ein Schraubenschlüssel, aber nicht weniger ein neu betitelter Tizian oder ein in fremdes Ambiente verpflanzter Michelangelo werden so erstmalig oder erneut in der Veränderung zu Kunst, die, in unsere Museen und Galerien getragen, zu enormen Preisen gehandelt wird und ihre Urheber oder Inventoren namhaft macht. Wenn alles Kunst sein kann und jeder durch sein eingeübtes Auge selbst zum Künstler (de)generieren kann, dann müßte es freilich noch keinesfalls mit der Kunst ein Ende haben; im Gegenteil, das könnte erst der wahre Anfang sein. Denn der kleine Schritt über die Grenzen hinaus kann zu einer Bewußtseinskunst führen, zu einem entmaterialisierten, rein geistigen Geschehen oder actus, der die eigentliche Hervorbringung überflüssig macht. Längst schon wäre es ja an der…

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