Titel: Kunst und Philosophie · S. 94
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Florian Rötzer

I. Ästhetische Erkenntnis oder Geschmacksurteil

Zur Herausbildung der philosophischen Ästhetik

Die Etablierung der Ästhetik als ein Gegenstandsbereich der Philosophie steht bereits unter dem Eindruck, die einseitig auf Rationalität verpflichteten Erkenntnisverfahren zu ergänzen und ihnen eine „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“ beizuordnen. In Baumgartens „Aestetica“ (1750/58) kommt es mit der Einführung der Ästhetik als einer anderen als der begrifflichen, logischen und mathematischen Erkenntnis zu einer Spaltung des Vernunftbegriffs. Die Ästhetik intendierte all das, was durch den cartesianischen Erkenntnisbegriff, basierend auf der Klarheit und Deutlichkeit der Ideen, als unklar, nieder, verworren, dunkel, sinnlich und täuschend herausfiel, zu rehabilitieren, weil die Erkenntnis nicht nur von der sinnlichen Erfahrung und Darstellung ausgehe, sondern das Ideal des reinen Begriffs oder der einfachen Idee nicht zu verwirklichen sei. Die Aufklärung über das dem Begriff Dunkle, sich der Eindeutigkeit und so auch der Logik und Mathematik Entziehende steht freilich unter der Perspektive der Vernunfterweiterung, nicht primär unter der der Aufklärung folgenden Vernunftkritik. So ist auch der von Baumgarten anvisierte felix aestheticus das Bild eines idealen und zugleich natürlichen Menschen, der im Spiel mit seinen Fähigkeiten überall das Ziel des „schönen Denkens“ als Lebensform verwirklicht. Ein auf Vernunft aufbauendes Leben ist ästhetisch, sofern es gelingt, und die Ästhetik mündet darin, Kunst, Erkenntnis und Leben zu verbinden. Für solch eine ästhetische Vernunftkultur, die die angeborenen Fähigkeiten durch Übung verstärkt und durch die „Theorie vom Wesen der schönen Erkenntnis“ die Methoden entwickelt, mit denen jene erworben werden kann, können die Fähigkeiten, schön und logisch zu denken, „durchaus harmonieren und auf einem Boden,…

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