Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Kunst des Büchermachens

GESPRÄCH MIT HEIDE PARIS UND PETER GENTE VOM MERVE-VERLAG

H.P.: Euer Verlagsprogramm spiegelt geradezu paradigmatisch die Veränderung des philosophischen Denkens in den letzten Jahrzehnten. Ihr habt zunächst Projekte und Theorien einer marxistisch inspirierten Gesellschaftskritik veröffentlicht und dann die französischen Philosophen in Deutschland eingeführt, die nach neuen Wegen des Denkens suchen, nachdem die Basis für eine Theorie der revolutionären Gesellschaftskritik im Hinblick auf Emanzipation sich aufgelöst hatte. Dabei entstand eine ganze Reihe von eher experimentellen philosophischen Ansätzen, die meist mikrologisch vorgingen. Im Zuge dieser Entwicklung ergab sich eine Affinität von Theorie zu ästhetischen Phänomenen oder zur Kunst, die sich auch in eurem Verlagsprogramm nachvollziehen läßt. Wie erklärt ihr euch diese Entwicklung? Was ist der Grund für euren Gang von der Politik zur Ästhetik, wenn man es einmal schlagwortartig und sicher verkürzt so benennt?

P.G.: Wir haben 1970 angefangen und schon damals sogenannte Strukturalisten (Bettelheim, Althusser, Godelier, Poulantzas, Rancière) veröffentlicht. Uns interessierten philosophisch-reflektierter Marxismus einerseits und das Ausprobieren neuer Arbeits- und Lebensformen (Base ouvrière, Il Manifesto, Lotta Continua, Potere Operaio) andererseits. Währenddessen florierte hierzulande ein akademischer Marxismus (Kapital-Lektüre), die Studentenparteien (KPdFU), Terrorismus. Es galt also, Ausschau nach weniger totalitären Ansätzen zu halten.

1974 zerfiel der Arbeitszusammenhang im Verlag. Zeiten der Verwirrung. 1976: „No future“, und das leuchtete uns ad hoc ein. Die Punk-Musik war für uns nicht ohne Bezug zur „Subversion des Wissens“ von Michel Foucault. Hier war eine Theorie, die Minoritäten in ihren Ansatz einbezog und die Sinn und die Geschichte nicht hypostasierte. „Mikrophysik der Macht“, „Mikropolitik des Wunsches“ – das waren…

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