Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Thierry De Duve

Kant nach Duchamp

Im Jahr 1914 suchte Marcel Duchamp den Bazar de l‘ Hôtel de Ville in Paris auf, erwarb einen gewöhnlichen eisernen Flaschentrockner, brachte dieses Objekt zu sich nach Hause, schrieb einen Satz auf den Boden des Gestells und stellte es dann in eine Ecke seines Studios. Ein Jahr später kaufte er in einem New Yorker Haushaltswarengeschäft eine Schneeschaufel, gab ihr den poetischen Titel „In Advance of the Broken Arm“ und prägte den Begriff „Ready-Made“ als Familienname für derartige Objekte, die zwar vom Menschen, nicht jedoch vom Künstler geschaffen sind – Massenprodukte, die durch einen Akt der Selektion, der Signierung und Benennung einen besonderen Status erhalten. Vermutlich waren seine diesbezüglichen Aktivitäten durch eine Frage angeregt, die er bereits 1913 niedergeschrieben hatte: „Ist es möglich, Werke zu schaffen, die keine Kunstwerke sind?“1 Diese ganze Angelegenheit hätte ein kleines Spiel „zwischen ‚ich‘ und ‚mir“2 bleiben können, hätte Duchamp nicht witzigerweise beschlossen, mit seiner Fragestellung an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Dezember 1916 wurde die New Yorker Gesellschaft unabhängiger Künstler gegründet und ihre erste Ausstellung für April 1917 angekündigt. Die Gesellschaft war der Pariser Société des Artistes Indépendants nachgebildet und übernahm auch deren Motto: „Keine Jury, keine Preise.“ Duchamp wurde zum Vorsitzenden der Hängekommission ernannt, und unter dem Pseudonym R. Mutt stellte er selbst ein Urinoir aus, ein Ready-Made, dem er den Titel „Fontäne“ gab. Die nachfolgende Richard-Mutt-Affaire, die von Duchamp selbst behutsam gesteuert wurde, reichte offenbar aus, um die Ready-Mades in den Status von Kunstwerken zu erheben, denn inzwischen ist…

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