Titel: Kunst und Philosophie · S. 92
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Materialien zur Einführung I:

Platon

Seit der griechischen Antike stehen Kunst und Philosophie in einem Verhältnis der Konkurrenz und zugleich der Komplizenschaft zueinander. Platons vehemente Kritik der Dichter macht dies deutlich, wo es um die dichterische Freiheit für ein politisches Gemeinwesen mit dessen ethischen Fundamenten geht, aber auch dort, wo er folgenschwer den kunsttheoretisch zentralen Gedanken der Mimesis formuliert, entwickelt am Paradigma der kosmogenischen Produktion und in Abgrenzung zur Verfallenheit der Menschen an selbsterzeugten Truggebilden, die – wie im Höhlengleichnis – die Erkenntnis des Wahren verstellen. Künstlerische Produktion, die Malerei etwa, wird als Nachahmung der Nachahmung verstanden. Daß Kunst durch Nachahmung charakterisiert wird, ist nicht nur Erklärung ihrer Stellung im ontologischen Rahmen der Ideenlehre, sondern zugleich der entscheidendste Einwand gegen sie: eine Degradierung, die merkwürdig ihrer verführenden Macht und Gefährlichkeit für Platon kontrastiert. In der Politeia führt Platon diesen für die Geschichte des Verhältnisses von Kunst und Philosophie maßgeblichen Zusammenhang durch die Gegenüberstellung von Anamnesis, Herstellung und Darstellung aus. Während ein Handwerker – gemäß dem kosmogenischen Demiurgen – materielle Gebrauchsgegenstände wie ein Bett oder einen Tisch erzeugt, indem er deren Idee realisiert, ist der Maler nur der Erzeuger eines Abbildes von technisch oder natürlich existenten Dingen. Weil Platons Ideenlehre im Konzept der Anamnesis befangen ist, kann Produktion nur als Teilhabe oder als Nachahmung der Idee begriffen werden, bestimmt durch größere oder geringere Ähnlichkeit. Die Möglichkeit der Erzeugung eines Neuen ist daher ausgeschlossen, also gerade der Umstand, der Innovation in der Neuzeit zum entscheidenden Telos für Wissenschaft, Technik und Kunst in Ablösung vom…

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