Titel: Die vierte Welle!? ,

Die vierte Welle!?

Feminismus heute

Herausgegeben von Oliver Zybok

Der neue Feminismus der Gegenwart gehört zur Popkultur. Er ist geradezu zum Mainstream für eine jüngere Frauengeneration geworden. Das Bild vom Feminismus hat sich verändert. In Deutschland galt lange Zeit Alice Schwarzer als die Vorzeigefeministin. Heute gehört es für zahlreiche im Beruf erfolgreiche Frauen zum guten Ton, sich als Feministin zu bezeichnen. Die wichtige Einsicht des Feminismus ist, dass Geschlecht konstruiert ist und das Beharren auf ein weibliches und männliches So-Sein niemals nur eine Faktizität beschreibt. Von der jüngeren Generation wird ein vollkommenes Umdenken individueller und kollektiver Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit angestrebt. Der vorliegende Themenband Die vierte Welle!? Feminismus heute betrachtet die derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen näher, dabei vor allem die diesbezüglichen künstlerischen Strömungen seit den 1960er-Jahren. Was ist hier seitdem geschehen?

Der einleitende Essay von Oliver Zybok gibt eine kleine Entwicklungsgeschichte des Feminismus wieder, von den Anfängen etwa gegen Mitte des 19. Jahrhunderts über die feministische Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart, hier vor allem im Hinblick auf verschiedene Aktionen der jüngsten Generation von Feministinnen auf den Social-Media-Kanälen im Internet. Rosa Windt untersucht in ihrem Beitrag den Blick auf Körperbilder im Kontext von Sexualität. Sie greift Beispiele sowohl von Künstlerinnen als auch von ihren männlichen Kollegen auf, so von Mary Kelly, die unter anderem versucht, weibliche Sexualität und die Mutter-Kind-Beziehung auf der Grundlage von Objekten darzustellen, oder von Hans Petri, der junge Frauen in Posen porträtiert, die sich häufig tradierter Formern weiblicher Inszenierung bedienen.

Larissa Kikol geht in ihrem Beitrag der Frage nach der Stellung von Frauen auf dem Kunstmarkt nach. Sie sieht hier immer noch Handlungsbedarf hinsichtlich einer Gleichstellung der Geschlechter. Denn: Frauen sind nach Ansicht der Autorin immer noch benachteiligt, eine Begebenheit, die man besonders auf Auktionen beobachten kann, denn bei den erzielten Rekordpreisen handelt es sich meistens um Werke von männlichen Künstlern. Andrea Zittlau beschreibt an weiteren Beispielen die derzeitige Popularität des Feminismus, die sich vor allem im Internet artikuliert. Sie veranschaulicht, dass die Inszenierung von bekannten Persönlichkeiten als Feministinnen nicht bedeutet, dass diese sich sich mit Zielen und Methoden dieser Bewegung auseinandersetzen. Oft scheint der Begriff „Feminismus“ lediglich ein Label zu sein, das eher die Freiheit zur Selbstverwirklichung suggeriert – Geschlechterrollen und Diskriminierung werden häufig gar nicht thematisiert.

Feminismus und Pornografie stehen in einem oft kontroversen Verhältnis. Während Feministinnen der 1960er- und 1970er-Jahre die diskriminierende Darstellungsweise von Frauen in Pornofilmen anprangerten, scheint Pornografie in der heutigen Zeit allgemein akzeptiert, zumal durch das Internet eine rasche Verfügbarkeit entsprechender Filme jederzeit gewährleistet ist. Tonia Andresen zeigt vor diesem Hintergrund eine Entwicklung feministischer Pornografie auf. Feminismus offenbart vor allem bei unterschiedlichem kulturellen Background seine zahlreichen Facetten. Diese treten deutlicher in den digitalen Welten zutage, im Netzfeminsimus, den Jutta Zaremba in ihren Beitrag näher betrachtet. Während Vertreterinnen afrikanischer und asiatischer Herkunft ihren Mitstreiterinnen in Europa und Nordamerika ein immer noch vorhandenes kolonial-arrogantes Verhalten vorwerfen, versuchen diese ihre normgebundenen feministischen Standards durchzusetzen, ohne dabei zu beachten, dass es kulturell bedingte unterschiedliche Bedürfnisse gibt. Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen ist der Feminismus längst auch in der Mode ein neuer Trend. Sloganshirts mit Aufdrucken wie „We should all be feminists“ und „The future is female“ sind bei zahlreichen Modelabeln angekommen. Lisa Klosterkötter führt die jüngsten Entwicklungen in der Branche auf und stellt diese in den Kontext künstlerischer Strategien. Den Abschluss des Bandes Die vierte Welle!? Feminismus heute bilden Gespräche mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal sowie den Künstlerinnen VALIE EXPORT, Renate Bertlmann und Signe Pierce.

Signe Pierce, Halo: Times Square, 2016, Video, iPhone 6 Plus + Charger, © Signe Pierce, Courtesy: Galerie Nathalie Halgand, Wien