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Titel: Inszenierte Fotografie II · S. 116 - 117
Titel: Inszenierte Fotografie II , 1986

DIE WELT ALS ENTWURF – DER ENTWURF ALS WELT

Sobald sie ihre klar definierte Beziehung zur empirischen Wirklichkeit aufgibt, sagt Jacques Derrida dem Sinne nach, tritt die Fotografie in den Bezirk der Kunst ein. Noch in seinem letzten Buch ‚Die helle Kammer‘ hatte Roland Barthes die unaufhebbare Gegenstandsverwiesenheit der Fotografie als ihr ‚Noema‘, ihr Wesen bezeichnet. Ohne einen gegebenen Gegenstand sei eine fotografische Aufnahme undenkbar. Insofern rechnet Barthes die Fotografie, ohne dies expressis verbis zu sagen, wohl auch nicht den künstlerischen Übungen zu. Anhand eines Foto-Essays von Marie Plissart, dessen fotografische Bilder sich nicht in den Bezugsrahmen: hier Realität – da fotografisches Bild einordnen lassen, sondern Fotografien einer offensichtlich bereits fotografierten ‚Realität‘ vorführen, macht Derrida demgegenüber geltend, daß sich hinsichtlich der Fotografie die Kunstfrage stelle, wenn sich die ‚Eindeutigkeit‘ ihrer Aussage zugunsten einer schillernden Vieldeutigkeit verschiebt. Eigentümlicherweise verdankt sich das neuerliche Interesse der zeitgenössischen Kunst an der Fotografie zunächst jedoch gerade ihrer ‚Eindeutigkeit‘. ‚Kunst im Kopf hieß die Losung einer der folgenreichsten Tendenzen im Kunstgeschehen des 20. Jahrhunderts. Folgenreich einerseits, weil sie Apotheose und zugleich Aporie der Avantgarde darstellt, und andererseits weil sie kraft ihrer künstlerischen Prinzipien der Fotografie erst die Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung eröffnet hat. Obwohl zahlreiche Künstler fotografische Aufnahmen nur nutzten, um ihren ‚Konzepten‘ und ‚Ideen‘ wenigstens eine rudimentäre Anschaulichkeit zu verleihen, also die Fotografie naiv und sozusagen amateurhaft handhabten, blieb deren fiktives Potential nicht unentdeckt. Jan Dibbets ’spielte‘ ingeniös mit der fotografischen Illusionsperspektive und gelangte zu frappierenden Bildwirkungen, indem er die ‚aufzunehmende‘ Wirklichkeit entsprechend zurichtete. Im linear-perspektivischen…

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