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Titel: Vilém Flusser · von Hermann J. Sottong · S. 98 - 98
Titel: Vilém Flusser , 1992

Hermann J. Sottong
Ein schönes, gutes, richtiges Gewurschtel

Naturgemäß kann ich nur den Vilém Flusser beschreiben, den ich mir konstruiert – er hätte gesagt: „komputiert“ – habe, nur Eindrücke formulieren, die von unseren Begegnungen blieben. Eindrücke von einem Menschen, der mir widersprüchlich erschien, der mich faszinierte, herausforderte – und über den ich mich anfangs auch geärgert hatte. Aber dieses Ärgern über Flusser – so erscheint es mir nicht erst seit seinem Tode – und die Ärgernisse, die er erzeugt, ausgelöst hat, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Er selbst sprach davon, daß er solche Ärgernisse kalkuliert und immer wieder heraufbeschworen habe, um die Dinge und das Denken in Fluß zu bringen. Und er selbst ärgerte sich seinerseits, wenn er in solchen Augenblicken von Zuhörern nur nickende Zustimmung erfuhr und also völlig unverstanden blieb.

Denn er liebte es, sein Gegenüber zu verunsichern, und er glaubte an die Produktivität, an die befreiende Kraft der Verunsicherung – so sehr, daß er mir in bestimmten Augenblicken wie ein Gefangener dieses Prozesses vorkam, den er ständig in Gang zu halten bemüht war, gewissermaßen als ein Vernichtungssüchtiger. Schon beim Frühstück, während sich andere nur nach einer Tasse Kaffee oder der ersten Zigarette sehnten, verstrickte er einen in Diskussionen über sumerische Schriftzeichen oder die Problematik der Universalität des binären Codes. Er fragte nach dem Thema des Vortrags, den man halten wollte, nach der Meinung zu diesem oder jenem Theorem, und kaum hatte man zu erläutern begonnen, was man meinte, schon widersprach er wortreich, entwickelte gegenteilige Ad-hoc-Theorien, die er augenblicklich als…


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von Hermann J. Sottong

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