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Titel: Der gerissene Faden · von Anne Marie Freybourg · S. 283 - 287
Titel: Der gerissene Faden , 2001

ANNE MARIE FREYBOURG
Ein Versuch aufs Ganze – Montagekonzepte bei Jean-Luc Godard

(FÜR JOCHEN STELTZER)

Der Film ist die Linearität par excellence. Der grandiose Illusionismus des Films beruht nämlich auf der linearen Dimension seines Materials. Anders als in der Fotografie, gelang es mit der Erfindung der Filmkamera, fortlaufend eine Bewegung aufzeichnen zu können. Durch die Konstruktion eines einfachen, hebelartigen Transportmechanismus, gleich einem Andreaskreuz, wurde es möglich, anfangs 16 und später dann 24 Bilder pro Sekunde in einem gleichmäßigen Zeitfluss zu belichten. Mit demselben Mechanismus wiederum projiziert, entsteht für unser träges Auge diese wunderbare Illusion realer Bewegung. Wir sehen die kleinen kinetischen Brüche zwischen den Bildern nicht und so geben wir uns gerne im Kino der Faszination des filmischen Realismus hin, lassen uns in jeder Sekunde von 24 Bildern betrügen und glauben der Linearität des Filmstreifens, der die Bilder gleichmäßig und geradlinig vorträgt. Und ebenso gerne lassen wir uns auf die erzählerische Einfachheit des Films ein, wenn die Übergänge von einem Bild zum nächsten dem Gesetz bildlicher Ähnlichkeit und damit einem bildlich-linearen Muster folgen und uns suggeriert wird, dass von Szene zu Szene das Eine aus dem Anderen schlüssig folgt.

Ein Mann, am Schreibtisch sitzend, den Kopf leicht schräg, hält in seinen Händen ausgerollt einen Filmstreifen gegen das Licht. Dieses berühmte Foto zeigt den russischen Filmregisseur Sergej Eisenstein im Jahre 1928 bei der Arbeit an seinem Film “Oktober”. Diese Pose mit einem Filmstreifen in der Hand ist zum Symbol für die Kunst des Filmregisseurs geworden. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleich zu Beginn seiner…


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von Anne Marie Freybourg

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