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Ausstellungen: Hamburg · von Rainer Unruh · S. 248 - 249
Ausstellungen: Hamburg ,

ENTFESSELTE NATUR

Das Bild der Katastrophe seit 1600
Hamburger Kunsthalle 29.06. – 14.10.2018

von Rainer Unruh

Am Anfang war die Sintflut. Der erste Aufstand der Welt gegen den Menschen, an dem Künstler ihre Möglichkeiten der Darstellung von Zerstörung erprobten, war kein reales Ereignis, sondern ein mythologisches. Holzschnitte und Kupferstiche aus dem 16. Jahrhundert eröffnen die Ausstellung „Entfesselte Natur“ in der Hamburger Kunsthalle. Man muss sich als Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts, dem die Nachricht von jeder Überschwemmung und jeder Feuersbrunst blitzschnell als Breaking News aufs Smartphone gesendet wird, erst einmal daran gewöhnen, wie lange es in der Kunstgeschichte gedauert hat, damit eine Naturkatastrophe als bildwürdig erachtet wurde. Erst im 17. Jahrhundert kommt der Anspruch auf, im Bild festzuhalten, was geschehen ist. Jan Asselijn malt den Bruch des St. Anthonisdeichs nahe Amsterdam 1651 mit einem düstereren Himmel, darunter Menschen, die fassungslos das Geschehen verfolgen. Gleich daneben haben die Kuratoren Markus Bertsch und Jörg Trempler 30 kleinformatige Bilder aus der Serie World Stress Painting von Olphaert den Otter gehängt, die zwischen 2009 und 2016 entstanden. Eine von vielen klugen Entscheidungen, denn der Bruch mit der Chronologie führt schlagartig vor Augen, wie sehr sich heute der Fokus der Schilderung von Katastrophen verschoben hat. Das Ordnungsprinzip der Serie sind die von den vier antiken Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft angerichteten Verheerungen, der Mensch ist aus dem Bild verschwunden.

Wir leben zwar im Anthropozän, einer Zeit, in welcher die Menschheit die Natur in globalem Maßstab verändert und durch die Klimaveränderung mitverantwortlich für Wirbelstürme und Tsunamis ist, aber das Individuum scheint für die sich mit Katastrophen beschäftigende Gegenwartskunst kein besonders interessantes Sujet zu sein. Während etwa Josef Carl Berthold Püttner in seinem Gemälde Untergang des Auswandererschiffes „Austria“ am 13. September 1858 (1858) die verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Menschen malt, zeigt uns Uta Schotten in einem Bild von 2017 in unscharfem Schwarzweiß das menschenleere Treppenhaus der Titanic, erscheinen die Eruptionen des Vulkans in Bernhard Martins Acrylarbeiten von 2018 verspielt und leicht und wirken die überfluteten Häuser in Kota Ezawas Leuchtbox Flood (2011) wie Spielzeug. Man ertappt sich dabei, wie man mit anderen Besuchern fasziniert auf die Superzeitlupenbilder von Julius von Bismarcks Video Irma To Come In Earnest (2017) schaut, auf Wellen, die in der Bewegung erstarrt sind, und auf Bäume, die von der Gewalt des Hurrikans verbogen wurden und wie Skulpturen anmuten.

Vielleicht kommt uns Caspar David Friedrichs Das Eismeer (1823/24) auch deshalb, so modern vor, weil es keinen besonderen Schiffsuntergang zeigt, sondern durch den Verzicht auf anekdotische Details zum Sinnbild einer Katastrophe schlechthin wird. Eine Sonderstellung nimmt unter den rund 200 Exponaten, die in 13 Themenblöcken vorgestellt werden, auch Das Floß der Medusa (1819) von Théodore Géricault ein. Das Original blieb im Louvre. Dafür ist ein eigener Raum der Ausstellung Arbeiten gewidmet, die das Thema aufgreifen. Thomas Struth zeigt in einer Fotografie Besucher vor dem Monumentalgemälde, und Marcel Odenbach bringt in seiner Videoarbeit Im Schiffbruch nicht schwimmen können (2011) das Schicksal von afrikanischen Emigranten mit Géricaults Werk zusammen. Von Martin Kippenberger sind sieben Blätter aus einem Mappenwerk von 1996 zusehen, die das Medusa-Thema variieren. Am stärksten aber springt eine Arbeit von Christian Jankowski ins Auge. Neue Malerei – Géricault (2016) hat mit 491 × 716 Zentimetern die Maße des Originals. Statt Schiffbrüchige, die um ihr Leben kämpfen, sieht man Schüler in einem Klassenraum. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass die Jungen und Mädchen die Haltungen der Personen auf Géricaults Bild nachahmen. Jankowski hat sein Gemälde in China von Künstlern nach dem Muster von Tableaux vivants anfertigen lassen. So mischt sich ein wenig Schalk in die Schreckens galerie. Es sind ja bloß Bilder. Die wahren Katastrophen passieren außerhalb von Kunsthallen.

Zur Ausstellung ist ein vorzüglicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Beiträgen von Jörg Trempler, Richard Lange, Simon Turner, Susanne B. Keller, Markus Bertsch, Johannes Grave, David Klemm, Ann-Kathrin Hubrich, Birgit Schneider und Jörg Schöning erschienen (Michael Imhof Verlag, 384 Seiten, 49,95 EUR im Buchhandel)
www.hamburger-kunsthalle.de