Gespräche mit Künstlern · von Heinz-Norbert Jocks · S. 172
Gespräche mit Künstlern ,

Marina Abramović

DIE SERBIN DES SCHMERZES

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Marina Abramović, als Fixstern der Performance-Kunst gefeiert, wurde zur weltberühmten Ikone dadurch, dass sie seit den Siebzigern ihren Körper extremsten Situationen aussetzt. Schreiend, bis sie ihre Stimme verlor, und tanzend, bis sie umfiel, scheint sie keine Angst vor Schmerzen zu haben, diese eher herauszufordern. Nicht nur, dass sie sich mit einer Rasierklinge in den Bauch ritzte, sich auspeitschte und nackt auf einem Eisblock legte. Sie fügte sich auch Schmerzen zu, indem sie im New Yorker Museum of Modern Art an 75 Tagen sieben Stunden täglich auf einem Stuhl ausharrte. Was sie sich antut, zieht die Neugierde eines großen Publikums auf sich. Alleine eine halbe Million Menschen kamen, um im MoMA dabei zu sein, wie sie regungslos dasaß. Über die Gründe, warum diese 1946 in Belgrad geborene Frau mit ungewöhnlicher Willensstärke sich das alles antut, und darüber, was sie dazu brachte, ihren Körper als Experimentierfeld zu begreifen, gibt sie auf 700 Seiten Auskunft in ihrer von ihrem amerikanischen Ghostwriter James Kaplan geschriebenen Autobiografie Durch Mauern gehen. Darin gibt sie ohne Scham und frei von Selbstzensur ihre Gefühle preis, schildert ihre Nervosität im Vorfeld ihrer ersten Performance Rhythm 10 als 26-Jährige in Edinburgh und erzählt von ihrem Kampf mit Migräneanfällen ebenso davon, dass sie kaum Luft bekam. Mit Messern stach sie sich zwischen die Finger der linken Hand „wie beim Russischen Roulette“. In einer ihrer ersten Nackt-Performances mit dem 1943 in Solingen geborene Performancekünstler Ulay (eigentlich Frank Uwe Laysiepen) fungierten beide als lebende…

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