Titel: publish - I. Publizieren als Handlungsfeld und Methode · von Annette Gilbert · S. 86
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Titel: publish - I. Publizieren als Handlungsfeld und Methode

Paul Soulellis

„WAS WIR BRAUCHEN, IST EIN NOCH VIEL RADIKALERES PUBLIZIEREN“

Ein Gespräch von Annette Gilbert

Die von Paul Soulellis 2013 gegründete The Library of the Printed Web wurde 2017 von der Bibliothek des Museum of Modern Art in New York erworben. Sie zählt 244 meist selbstverlegte Künstlerpublikationen aus den Jahren 2013 bis 2016, die – häufig unter Nutzung von Print-on-Demand-Anbietern – Webinhalte und -kultur in die gedruckte Form („Web-to-Print“) überführen. Soulellis hat die Publikationen nach ihrem Umgang mit den Datenmengen in vier Kategorien unterteilt: hunting, grabbing, scraping, performing. Begleitend zur Sammlung entstanden das halbjährliche Magazin Library of the Printed Web sowie die Printed Web Editions, die Soulellis in der Tradition von Seth Siegelaubs Kataloggruppenausstellungen sieht.

Annette Gilbert: Nach nur vier Jahren wurde deine Sammlung kürzlich von der Bibliothek des MoMA erworben. Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung? Sind die Sammlung und das Sammlungsgebiet damit abgeschlossen?

Paul Soulellis: Als mir die MoMa-Bibliothek den Ankauf vorschlug, fand ich das aus mehreren Gründen eine ausgezeichnete Idee: Die Künstlerpublikationen – viele von ihnen billig produziert – würden so sicher archiviert und fachgerecht betreut, Dauerhaftigkeit und Sorgfalt wären garantiert. Die Sammlung würde erstmals öffentlich zugänglich und stünde der Forschung zur Verfügung. Für einige Künstler mag das die einzige Chance sein, dass eines ihrer Werke vom MoMA gesammelt wird. Für mich selbst war der bedeutendste Gewinn ein konzeptueller: dass die Ideen, die The Library of the Printed Web in sich birgt, unabhängig von meiner eigenen künstlerischen Praxis weiter bestehen können, sogar über meine eigene Lebenszeit hinaus. Die Übergabe meines Archivs an diese Bibliothek mit einer der bedeutendsten Sammlungen für Künstlerpublikationen weltweit verlieh ihm Endgültigkeit. Es ist nun in die Geschichte eingegangen.

Der Ankauf gab mir auch Gelegenheit, einige Ideen zu überprüfen, die aus dem Projekt heraus entstanden sind. Die derzeitige politische Krise in den USA zwang mich, meine eigene kuratorische Praxis genauer anzusehen. Einige der Appropriationstechniken (also die unerlaubte oder unausgewiesene Nutzung von Bildmaterial anderer), die in The Library of the Printed Web reich vertreten sind, fühlen sich inzwischen unpassend an. Viele dieser frühen Web-to-Print-Arbeiten sehe ich jetzt als Indiz kolonialistischer, patriarchaler Positionen. Unabhängig von ihrer künstlerischen Intention will ich keine Werke mehr unterstützen, die sich aus der Arbeit anderer speisen. Meine eigene Praxis bewegt sich nun mehr in Richtung Kunst, die der Hegemonie Widerstand leistet.

Meine eigene Praxis bewegt sich nun mehr in Richtung Kunst, die der Hegemonie Widerstand leistet.

Warum hattest du begonnen, diese Publikationen zu sammeln? Worin lag ihre Faszination? Gab es einen Startpunkt, ein Schlüsselerlebnis, eine Begegnung mit einem bestimmten Werk?

2012 trat ich der von Joachim Schmid gegründeten Artists’ Books Cooperative (ABC) bei. Mitglied waren damals Mishka Henner, Elisabeth Tonnard, Andreas Schmidt, Eric Doeringer und viele andere, die sich auf das Selbstverlegen mit PoD konzentrierten und mit gefundenen Fotos arbeiteten, meist aus dem Netz. Das hat mich inspiriert, ähnliche Werke anzufertigen, die Natur der Bildproduktion zu hinterfragen und auch, wie sich unser Verhältnis zur Fotografie durch die Netzkultur ändert und was publizieren bedeutet.

Als ich eintrat, stellte ABC gerade ABCED fertig: eine Box aus 22 Büchern, die wir mit dem PoD-Anbieter Blurb druckten. Jedes der 22 Bücher bezog sich auf eins von Ed Ruschas Künstlerbüchern. Ich steuerte Sixty-Six Sunsets Stripped bei, das Ruschas Every Building on the Sunset Strip von 1966 nachahmt und aus den 66 ersten Einträgen einer Google Image-Suche für „Sonnenuntergang“ bestand. Damals kannte ich Penelope Umbricos Arbeiten mit Sonnenuntergangsbildern aus Flickr noch nicht.

Anfang 2013 war ich dann zur Konferenz „Theorizing the Web“ in New York eingeladen und beschloss, eine kleine Popup-Sammlung von Web-to-Print-Publikationen zusammenzustellen. Ich begann mit ABC-Mitgliedern, bezog dann aber auch Umbrico, Clement Valla, Guthrie Longergan, Stephanie Syjuco und viele andere ein. Das war der Startpunkt für The Library of the Printed Web.

Web-to-Print-Publikationen seien kontraintuitive Hybride, hast du einmal gesagt. In der Tat: Warum sollte man digital generierte, präsentierte, zirkulierende Inhalte überhaupt auf Papier drucken?

Wie anders erleben wir Inhalte, wenn sich der Kontext ändert? Das ist nicht neu. Früher hätten wir ein Telefonat mit einem persönlichen Gespräch verglichen oder eine Schallplattenaufnahme mit einer Live-Aufführung. Die Worte mögen dieselben sein, aber wir erfahren sie anders. In unserer vollkommen digitalen Gegenwart verstärken sich die feinen Kontextunterschiede noch. Wir (und unsere Medienpraktiken) befinden uns einem konstanten hybriden Zustand….

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