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Titel: publish - III. Publizieren als Kommunikationsakt · von Marlene Obermayer · S. 132 - 141
Titel: publish - III. Publizieren als Kommunikationsakt ,

Gloria Glitzer

KUNSTBUCHMESSEN WERDEN ZU ORTEN DES AUSTAUSCHS, NICHT NUR IN BEZUG AUF DIE KÜNSTLERISCHEN ARBEITEN
Ein Gespräch von Marlene Obermayer

Hinter dem Projekt Gloria Glitzer stehen die Künstlerin Franziska Brandt und der Künstler Moritz Grünke. In Berlin führen sie seit 2012 das Riso-Druckstudio we make it, das zugleich Ausstellungsraum für Künstlerpublikationen ist. Es beherbergt zudem die öffentliche Bibliothek „Herbarium Riso“, mit Schwerpunkt auf risogedruckten Künstlerbüchern und Artzines. Seit mehr als 10 Jahren nehmen Brandt und Grünke als Gloria Glitzer an internationalen Kunstmessen teil. Neben Michalis Pichler und Yaiza Camps ist Grünke zudem im Kernteam der jährlich stattfindenden Kunstbuchmesse „Miss Read – The Berlin Art Book Fair“.

Marlene Obermayer: Gloria Glitzer gibt es schon seit 2007. Könnt ihr etwas über die Anfänge erzählen?

Moritz Grünke: Wir haben beide in Halle (Saale) studiert. Franziska Malerei und ich zu Beginn Grafikdesign. Dann bin ich in die Freie Grafik im Fachbereich Kunst gewechselt, wo ich viel mit Drucktechniken zu tun hatte. Über das Drucken kam ich im Laufe der Zeit zum mehrseitigen Objekt des Buches als künstlerische Ausdrucksform und das Publizieren wurde zur künstlerischen Praxis. Für mich stellt das Buch ein überaus vielseitiges Medium dar, weil es diesen zeitbasierten Aspekt beinhaltet. Die Art und Weise wie es rezipiert wird, das finde ich reizvoll. Wie es zu Gloria Glitzer gekommen ist …

Franziska Brandt: … wir wurden 2007 von einer befreundeten Künstlerin zu einer Ausstellung in die Kunsthochschule Weißensee eingeladen und haben dafür einen Stand mit Give-aways konzipiert. Im Zuge dessen erfanden wir für diese Objekte den Namen Gloria Glitzer, der später zu unserem Alter Ego wurde. Wohin uns dieser Name Jahre später führen sollte, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. Zunächst war es vielleicht eher ein Spaß, ein Name, hinter dem wir uns ein bisschen verstecken konnten. Heute lässt er sich als Verbindung zwischen Moritz, mir, den Betrachterinnen/Betrachtern und unseren Arbeiten verstehen.

In Berlin habt ihr die Risographie-Druckwerkstatt we make it, die auch Ausstellungsraum ist und die kleine Bibliothek Herbarium Riso beherbergt. Wie seid ihr auf den Risographen gekommen?

Grünke: we make it gibt es seit 2012, den Risographen hatten wir schon zwei Jahre vorher gekauft. Nach dem Studium standen wir vor der Frage wie wir weitermachen wollten. So reifte die Idee, uns selbst etwas aufzubauen und über die Bedingungen unserer Arbeit selbst entscheiden zu können. In Berlin hatte ich ein paar Publikationen gefunden, die mit einem Riso gedruckt wurden und war von der Ästhetik beeindruckt. Sie erinnerte an irgendwas zwischen Zinkografie und Siebdruck. Ich recherchierte und war überrascht, dass es eine so unscheinbare, kompakte Maschine war, die wie ein gewöhnlicher Kopierer aussah – das war reizvoll für uns. Wir kauften ein gebrauchtes Gerät und begannen zunächst unsere eigenen Publikationen damit zu drucken und später auch speziell dafür zu konzipieren.

Brandt: Ein interessantes Detail ist auch, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Arbeitskontexten in unser Studio kommen. Dadurch entstehen spannende Verbindungen und Freundschaften zu Leuten aus der Musik, Literatur, Architektur und Kunstvermittlung. Die Idee der Selbstermächtigung, die ja auch Teil des Self-Publishings ist, lässt sich nicht nur im Bereich der Kunst finden.

„Ist es echte Kunst?“ oder „Was ist das jetzt?“ Das fragt danach, was wir da machen.

Gloria Glitzer wird vom Zusatztitel „Oh No – Artists who do books“ begleitet und spielt auf ein Werk von Ed Ruscha an. Das „Oh No“ ist wahrscheinlich ironisch zu verstehen?

Grünke (lacht): Ja, dabei handelt es sich genau genommen um zwei Titel von zwei verschieden Arbeiten des Künstlers Ed Ruscha.

Brandt: Genau. Es ist klar als Selbstironie oder als Selbstbefragung zu verstehen. „Ist es echte Kunst?“ oder „Was ist das jetzt?“ Das fragt danach, was wir da machen. Ed Ruscha ist ein Künstler, den wir sehr schätzen und der für viele Künstlerinnen und Künstler aus dem Bereich des Self-Publishing impulsgebend und inspirierend ist.

Die „About-Serie“ ist von einer ähnlichen Idee getragen – ein Raum, den man mitnehmen kann.

Weitere Referenzen auf Künstler, die ihr schätzt, finden sich auch bei Publikationen wie Thrown into the Sea (2013) oder WorkWork NoNo (2015).

Brandt: Ja genau, Thrown into the Sea (2013) bezieht sich auf ein frühes Werk von Lawrence Weiner. Für uns ging es ebenfalls um eine Beeinflussung der Umgebung durch ein Objekt und die Frage nach der Autorschaft. Die Betrachterinnen und Betrachter werden dazu aufgefordert, einer Handlungsanweisung zu folgen. Sie werden zu Autorinnen und Autoren in der künstlerischen Arbeit und der Risograph wird zum Künstler. WorkWork NoNo (2015) bezieht sich hingegen auf frühe Arbeiten von Bruce Nauman aus den 1960er-Jahren, bei denen er über das Kunstschaffen nachgedacht hat, indem er etwa tagelang in seinem Atelier Violine gespielt oder sich auf dem Boden gewälzt hat und diese, ich nenne es „Übungen“, mit Video aufgezeichnet hat. Mit einfachen Mitteln über Kunst nachdenken, sich darüber philosophischen, ästhetischen oder politischen Themen annähern und eine Übersetzung in Form einer künstlerischen Arbeit finden – das war der Hintergrund zu WorkWork NoNo.

Es tut so, als ob es ein Readymade wäre, ist aber komplett handgemacht.

Könnt ihr mir mehr zum Künstlerbuch Theory (2017) sagen? Auf den ersten Blick sieht diese Publikation aus wie ein konventioneller Collegeblock …

Grünke: Es handelt sich dabei um ein „Readymade lookalike“, es tut so, als ob es ein Readymade wäre, ist aber komplett handgemacht. Alle Seiten sind auf dem Riso gedruckt, von Hand zusammengetragen und spiralgebunden. Es sieht aber aus wie ein Ein-Euro-Collegeblock. Dies ist von der technischen Seite ein Aspekt, referiert aber andererseits auf die Publikation Theory von Kenneth Goldsmith (Jean Boîte Éditions, 2015). Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Gedanken, Aphorismen und Statements zu Piracy, Appropriation, Copyright usw.

Brandt: Goldsmiths Theory Publikation kommt wie eine Blattsammlung daher. Als würde man ein Paket Kopierpapier kaufen und so es ist auch eingepackt. Im ersten Moment ist es mehr ein Objekt, aber man kann es öffnen und dann hat man die einzelnen Blätter und diese lassen sich natürlich in ihrer Abfolge verändern. Grünke: Unser Theory kann wie ein Kommentar darauf gelesen werden.

Brandt: Dazu gibt es den Kugelschreiber mit der Aufschrift „exactly wrong“ …

Grünke: … was wiederum ein Zitat aus der Publikation von Goldsmith ist.

Seit 2010 veröffentlich ihr in unregelmäßigen Abständen die sogenannte „About-Serie“. Worum geht es in dieser Publikationsreihe?

Grünke: Das Leporello kann als mobiler Ausstellungsraum begriffen werden. In einem Ausstellungsraum kann ja alles passieren, eine Wand wird Schwarz gestrichen oder rausgerissen oder ein Loch wird in den Boden gesägt. Der Raum wird mit Inhalt so zusagen „aufgeladen“. Im übertragenen Sinn kann man das auch in dieser Publikation machen.

Brandt: Angefangen hat es mit einer Ausstellungsbeteiligung, bei der wir über ein geeignetes Portfolio unserer eigenen Arbeiten nachdachten. Darüber entwickelten wir die Idee weiter und luden daraufhin in regelmäßigen Zeitabständen verschiedene Künstler/-innen dazu ein, die Serie fortzuführen.

Grünke: Das ist ja auch etwas sehr Zeitgemäßes, die Mobilität, was das Büchermachen auch ausmacht. Kein riesiger Kunsttransport, man hat nur seinen Koffer, in dem die Publikationen drinnen sind. Und die About-Serie ist von einer ähnlichen Idee getragen – ein Raum, den man mitnehmen kann.

Wie lange hat es gedauert, bis eure Bücher in Umlauf gekommen sind? Hat es mit der Teilnahme an Kunstbuchmessen begonnen?

Grünke: Ja das kann man schon so sagen; es war ungefähr 2011, als wir zu den CO Book Days eingeladen worden sind. Dort haben wir ausschließlich unsere Artzines gezeigt, wie etwa. Raster Control (2009), About #1 / About #2 (2010), und Deal with Roy (2012). Das war unsere erste Messe-Erfahrung, es sollten viele folgen.

Eine prägnante Erfahrung war außerdem die Kuration der Ausstellung „I’ve Zine the Darkness“ für den Galerieraum dieschönestadt in Halle an der Saale.

Brandt: Wir starteten einen Open Call und erhielten für diese Ausstellung überraschend viele Einsendungen. Schon vor der Ausstellung beschäftigten wir uns mit der Frage, was mit den vielen Zines geschehen sollte. Wir wollten, dass sie sichtbar bleiben. Und das war ein Aspekt, der auch für die Publisher interessant war, dass ihre Arbeiten einen Ort bekommen, an dem sie über den Ausstellungszeitraum hinaus für die Öffentlichkeit zugänglich sind.

Grünke: Wir hatten die Idee, dass die Artzines danach Teil der Hochschulbibliothek der Burg Giebichenstein werden könnten und nahmen Kontakt mit der Hochschulbibliothek auf, um unser Projekt vorzustellen. Die Systematisierung der Artzines war eine echte Herausforderung. Es gab keine ISBN und oft nicht mal ein Impressum. Darüber hinaus haben wir alle Einsendungen auf einer Webseite dokumentiert.

Wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Kunstbuchmessen?

Grünke: Letztlich unterscheiden sich die Messen nur durch die Sprache, mit der kommuniziert wird. Das ist ja das Beeindruckende, dass das Phänomen Self-Publishing so global ist. Das Internet war dabei wegbereitend. Die analoge und die digitale Welt finden in dieser Praxis wirklich zusammen. Das finde ich besonders beeindruckend.

Brandt: Nebenbei sind die Veranstaltungen eine wunderbare Gelegenheit, um die Menschen hinter den Publikationen kennenlernen zu können. Messen werden zu Orten des Austauschs, nicht nur in Bezug auf die künstlerischen Arbeiten, sondern auch hinsichtlich der aktuellen Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern in den unterschiedlichen Ländern. Und natürlich ist es auch der Ort, an dem Publikationen gezeigt, ausgestellt, getauscht und vor allem verkauft werden.

Grünke: Ja, gerade auf der New York Art Book Fair gibt es neben den vielen Self-Publishern auch große Verlage, Galerien und Antiquariate, die sehr gut Geld verdienen und dann gibt es Aussteller/innen, die ein Jahreseinkommen investieren, um bei der Messe dabei zu sein. Neben den eigenen kleinen Onlineshops und den seltenen Distributionsorten, wie ausgewählte Kunstbuchläden, Printed Matter etwa, sind diese Veranstaltungen die, an denen man die meisten Publikationen verkaufen und sie einer breiten Öffentlichkeit vorstellen kann.

Das ist ja das Beeindruckende, dass das Phänomen Self-Publishing so global ist.

Stichwort Berlin. Hier gibt es jährlich gleich zwei Kunstbuchmessen, die Miss Read und die Friends with Books.

Grünke: Beide Messen sind ursprünglich aus der Miss Read hervorgegangen und zeigen nun sowohl ähnliche, als auch verschiedene Positionen. Im Rahmen der Miss Read findet zusätzlich der Conceptual Poetics Day statt. Da ich seit 2015 gemeinsam mit Yaiza Camps und Michalis Pichler im Team der Miss Read bin, könnte ich von einer Konkurrenzsituation sprechen. Durch die Präsenz der beiden Veranstaltungen zeigt sich aber letztlich eine enorme Vielfalt der Szene und allein durch die beiden unterschiedlichen Ausstellungssorte im Haus der Kulturen der Welt (HKW) und im Hamburger Bahnhof werden verschiedene Publikumsspektren angesprochen, was ja nur positiv für die Szene sein kann. Berlin kann diese beiden Veranstaltungen gut vertragen, vor allem wenn man bedenkt, dass in London fünf Veranstaltungen dieser Art nebeneinander existieren.

Moritz, was ist im Zusammenhang mit der Organisation einer solchen Messe zu tun, wie kann man sich das vorstellen?

Grünke: Als kleines Team versuchen wir, basisdemokratisch zu arbeiten; wir gehen gemeinsam die Bewerbungen zur Teilnahme durch und entscheiden, wen wir ausstellen möchten, wie das Rahmenprogramm aussehen soll und wie wir uns dahingehend inhaltlich positionieren. In diesem Jahr werden rund 220 Aussteller/innen zur Miss Read kommen. Dieses und letztes Jahr haben wir etwas Geld auf öffentlichen Fördertöpfen bekommen. Das stellt uns vor ganz andere Herausforderungen, etwa aus buchhalterischer Sicht. Es gibt uns aber die Möglichkeit, Reisekosten für Vortragende zu übernehmen und kleine Honorare zu zahlen. Außerdem sind wir sehr glücklich über den Ausstellungsort im HKW. Die Self-Publisher-Szene bringt den Ort mit einer bestimmten kulturellen und politischen Haltung in Verbindung und die Leitung des HKW unterstützt unser Projekt personell und inhaltlich und ist daher eine große Bereicherung für unsere Arbeit.

GLORIA GLITZER
Seit 2007 konzipieren und publizieren Franziska Brandt und Moritz Grünke unter dem Namen Gloria Glitzer Künstlerbücher sowie Artzines und verstehen das Publizieren als künstlerische Praxis (gloriaglitzer.de). Beide leben und arbeiten in Berlin und studierten zuvor an der Burg Giebichenstein in Halle (Malerei bzw. Freie Grafik). Von 2008 bis 2012 waren sie Teil des Projektraums dieschönestadt in Halle.
Ihre Künstlerbücher wurden u.a. im MoMA PS1 New York, MOCA Los Angeles, ICA London, HKW Berlin und im La Casa Encendida Madrid gezeigt. Sie sind u.a. in den Sammlungen des MoMA, des Metropolitan Museum of Art, der Tate London, der Weserburg Bremen, der Princeton Universität, des SIAC Chicago und dem Archiv Artist Publications München zu finden. Parallel dazu betreiben die beiden Künstler/-innen seit 2012 das „we make it“, ein Drucklabor für Risographie, sowie das „Herbarium Riso“, eine öffentliche Bibliothek für Riso gedruckte Künstlerbücher. Seit 2015 kuratiert sowie coorganisiert Moritz Grünke das Miss Read Festival in Berlin.

von Marlene Obermayer

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