Ausstellungen: Berlin · von Claudia Wahjudi · S. 234
Ausstellungen: Berlin , 2018

Fleisch

Altes Museum 01.06. – 31.08.2018
von Claudia Wahjudi

Das Foto, das davon zeugt, wie rasch und umfassend sich der Umgang mit Fleisch verändern kann, zeigt zwei Männer auf einem Bürgersteig im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Sie tragen Arbeitsstiefel und verschmierte Jacken mit Kapuzen, die sie sich über den Kopf gezogen haben. Auf ihren Schultern balancieren sie je eine Hälfte eines Schweins. Der Fotograf Bernd Heyden nahm die beiden „Fleischträger, Bötzowstraße“ 1974 auf – ein Bild aus einer anderen Welt. Schweine werden heute meist bereits im Schlachthof zerlegt und verarbeitet. Unverpacktes Fleisch sieht der Bürger erst an den Theken der Super- oder Wochenmärkte. Die Verordnungen für Fleischwaren kommen nicht von einer DDR-Regierung, sondern von Land, Bund und EU, und Prenzlauer Berg ist eine Hochburg von Vegetariern geworden.

Das Sein bestimmt, was wie in die Pfanne kommt. Von Prenzlauer Berg auf die ganze Republik zu schließen, wäre freilich töricht: Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt nur allmählich, die Produktion dagegen steigt. Das Bewusstsein ändert sich offensichtlich langsamer als das Sein. Dies ist auch der Schluss, den die kurzerhand „Fleisch“ genannte Sonderausstellung des Alten Museums erlaubt, ein kurzweiliges, hintergründiges kuratorisches Experiment. In nur einem einzigen Saal des Gebäudes mit der Antikensammlung hat ein 15-köpfiges Team jüngerer Mitarbeiter Exponate aus 5.000 Jahren versammelt. Interdisziplinär und transkontinental vereinen sich hier Objekte aus verschiedenen Sammlungen der Staatlichen Museen, aus dem alten China wie aus Österreich, aus der griechischen Antike wie aus der Gegenwart, etwa Christian Jankowskis bekanntes Video, in dem der Künstler in einem Supermarkt Brot und Tiefkühlhähnchen mit…

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