Ausstellungen: Stuttgart · S. 384
Ausstellungen: Stuttgart , 1990

Martin Blättner

Francesco Clemente

»Der Aufbruch der Argonauten, 1986«

Staatsgalerie, 19.5. – 5.8.1990

»Navigare necesse est vivere non est necesse«

Grenzüberschreitungen setzen den Willen zur Bewegung voraus. Die Umstellung auf neue Befindlichkeiten heißt auch, vom allzu Vertrauten Abschied zu nehmen. Mitunter sind selbst Normverletzungen nicht auszuschließen, wenn der Drang ins Freie einen strikten Kurswechsel abverlangt. Auf Desillusionen muß man spätestens gefaßt sein, wenn untrügliche Vorzeichen das Fatum erahnen lassen. Am sichersten fährt man mit der passenden Lektüre oder womöglich mit einem Portfolio-Original: Als fälschungssicheres Identitätspapier oder Durchgangsbescheinigung kann es sehr hilfreich sein. Francesco Clemente, wichtiger Protagonist der italienischen Transavantgarde – abwechselnd in New York City und in Madras (Indien) lebend -, ist der Überzeugung, Bücher hätten mit Reisen zu tun. (Max Ernst etwa wurde an der Grenze durchgelassen, als er seine Collagen vorzeigte. Tragisch endete dagegen Benjamins Passierversuch.) Clemente, der schon immer ein enges Verhältnis zur Literatur hatte, mußte kaum zu einer Buchillustration motiviert werden. Schon früh machte der 1952 in Neapel geborene Aristokratensproß mit eigenwilligen Gedichten auf sich aufmerksam. Auch nach seinem Architekturstudium in Rom und dem damit verbundenen Aufbruch in die malerische Existenz ließ er sich immer wieder von Literatur inspirieren. Das „Du-sollst-nicht-illustrieren“-Gebot altbackener Kunstdiskussionen mißachtend – die eine Grenze vom „autonomen“ Kunstwerk zu bloßer Bebilderung ziehen wollen -, suchte Clemente wahlverwandtschaftliche Synästhesie im Denken von Autor und Künstler. Daß literarische Ideen visualisiert werden können, ohne das labile Gleichgewicht von Text und Bild zu stören und doch den Spielraum erfinderischer Illumination aufrechtzuerhalten, zeigt Clementes Druckkunstwerk „Der Aufbruch der Argonauten“ sehr vielseitig auf. Die…

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