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Essay · von Wolfgang Welsch · S. 318 - 320
Essay , 1992

Gegenwartskunst im öffentlichen Raum – Augenweide oder Ärgernis?

Von Wolfgang Welsch

Kunst im öffentlichen Raum“ ist ein Thema voll grundsätzlicher Probleme. Haben wir überhaupt noch öffentliche Räume? Sind die Räume, die wir so nennen, wirklich Räume einer Öffentlichkeit? Was heißt heute überhaupt Öffentlichkeit?

Was man gemeinhin „öffentlichen Raum“ nennt, ist gewiß nicht mehr, wie es einst gemeint war, der Raum einer demokratischen Öffentlichkeit, sondern ist Einkaufszone, Behördenareal oder Verkehrsbereich. Öffentlichkeit existiert, wenn überhaupt noch, sicherlich nicht dort, sondern eher in den Medien. Der öffentliche Raum ist nur noch dem Wort, nicht mehr der Sache nach öffentlicher Raum.

Manche aber haben diese Veränderung, diesen Wegfall von Voraussetzungen der Denkfigur „Kunst im öffentlichen Raum“, nicht mitbekommen. Sie handeln immer noch nach den gleichen Mustern, Kriterien und Entscheidungsregeln, obwohl der Kontext längst ein anderer geworden ist. – Es gibt einen französischen Film, in dem ein Sänger noch immer allabendlich die Bühne betritt, obwohl seit Jahren kein Publikum mehr kommt. Anderswo habe ich erlebt, wie ein alter Mann regelmäßig in der Kirche seiner Jugendzeit betet, obwohl sie schon lange zu einem Freizeitzentrum umgebaut worden ist. So ähnlich verhält es sich mit manchen Reden über Kunst im öffentlichen Raum. Sie haben vor lauter Insider-Betriebsamkeit den Wegfall einer äußeren Voraussetzung, haben eine einschneidende Veränderung in den Rahmenbedingungen von „Kunst im öffentlichen Raum“ nicht mitbekommen.

1. Der öffentliche Raum heute: ein hyperästhetisches Arrangement

Was sind die Bedingungen von Kunst im öffentlichen Raum heute? Ich meine: Sie sind von besonderer Art, sind neuartig – folgenreich neuartig.

Der konventionelle Vorstellungsrahmen, wenn man von „Kunst im öffentlichen…

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