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Ausstellungen: Köln · S. 373 - 374
Ausstellungen: Köln , 1990

Jürgen Raap
Georg Herold

»Geld spielt keine Rolle«

Kunstverein, 2.6. – 29.7.1990

Schwarz-gelbliche, transparente Kaviarkörner verteilen sich über die Bildfläche, verdichten sich zu wolkenartigen Gebilden oder zu spröden, wabenartigen Strukturen. Auf einer Arbeit ist die Anzahl dieser Körner penibel durchnumeriert: 19 000 Stück!

Georg Herold verbindet dabei ironische Gesten mit malerischen Akzenten. Nach anfänglichen Experimenten mit Seehasenrogen und mit anderen Kaviarsorten kam er zu dem Ergebnis, daß nur die Marinade des Beluge (russisch: „Malossol“) das ideale Bindemittel für diese Art der Malerei bietet. Zunächst einmal ist also Kaviar eine handwerklich zu behandelnde Malmasse, die in Schleiern und mikroskopisch anmutenden Strukturen zu einer informellen Wirkung verteilt und verstrichen, verklumpt oder pointillistisch fixiert wird. Verstärkt wird dieser Effekt durch Beifügungen von bräunlichem Schellack als Fixativ bzw. Firniß und von galvanisiertem Kupfer oder Asphalt bei der Behandlung des Untergrundes: Röntgenbilder von markierten Proteinen inspirierten Herold zu diesem analytischen Vorgehen, welches die Molekularstruktur einer bestimmten Materie zum Ausgangspunkt bildnerischen Gestaltungswillens nimmt. Es handelt sich dabei weniger um „Eat Art“, als um Varianten einer sehr klassischen Malerei.

Daß die extreme Verschmutzung des Kaspischen Meeres den Stör zum Aussterben verurteilt und sowjetische Lebensmittelchemiker geschmacksidentischen künstlichen Protein-Kaviar entwickeln, ist zum Verständnis der Heroldschen Bildserie redundant. Denn seine Ambitionen kreisen nicht um Begriffe wie „Provokation“ oder „Kritizismus“. Wohl geht es um den Hinweis, daß in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht die Leistung an sich (hier: das Produktionsvolumen der sowjetischen Fischereiindustrie) zu bewerten ist, sondern das Image, das die Materie verkörpert, eben die gesellschaftliche Übereinkunft, ganz bestimmte Fischeier als Luxusgut zu bewerten und andere nicht…


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