Titel: Ironie , 2011

Astrid Mania

„Ironie ist ein Mysterium“.1

Was die Zitatkunst von Komar & Melamid kategorial von der westlichen Postmoderne unterscheidet

Dass es von einem Gemälde mehrere Fassungen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Werke, die sich großer Beliebtheit erfreuen, entstehen oft in mehrfacher Ausführung – von der Hand ihres Schöpfers selbst oder der seiner Nachfolger und Epigonen. Arnold Böcklins Toteninsel (1880–1886) ist sicher eines der bekanntesten Beispiele einer solchen, durchaus ökonomisch motivierten, Selbstvariation. Aber auch Gemälde mit so prosaisch-bürokratischen Titeln wie Lenin proklamiert die Sowjetmacht existieren in mehreren Versionen, im konkreten Fall in drei. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Fassungen, die von zwei, genauer gesagt drei verschiedenen Künstlern stammen, kaum. Doch die feinen Variationen offenbaren gewaltige Differenzen in der Ideologie, die hinter den Werken steht, und so lassen sich an den drei Gemälden radikale Umbrüche in der Kunst und ihren Entstehungsbedingungen innerhalb der ehemaligen Sowjetunion ablesen.

Das Zentrum aller drei Gemälde bildet Lenin, der, wie es der Titel verlautbart, den Sieg der Revolution erklärt. Lenin schwebt regelrecht über einer jubelnden Menge, in der linken Hand hält er ein Manuskript, den rechten Arm streckt er in einer ebenso zukunftsweisenden wie segnenden Geste über die Häupter seiner Anhänger. Die Szene spielt im lichtdurchfluteten Smolny-Institut, dem vorübergehenden Regierungssitz unmittelbar nach der Revolution im damaligen Petrograd. Die Architektur des prachtvollen Innenraums nimmt in den ersten beiden Fassungen fast die gesamte obere Bildhälfte ein. Im unteren Bilddrittel drängen sich die Revolutionäre, farblich in ein Spektrum aus einheitlichen Brauntönen getaucht. Lenin hebt sich in seinem schwarzen Anzug sowohl von den übrigen…

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