Magazin: Museen & Institutionen · von Michael Hübl · S. 484
Magazin: Museen & Institutionen , 1998

Michael Hübl

KIASMA

Das Museum für neue Kunst in Helsinki ist eröffnet.

Der Talk der Intellektuellen findet in Stockwerk fünf eines Neubaus nahe der Hauptpost von Helsinki statt. Per Bildschirm und „Diesseits des Ozeans“, wie eine der Eröffnungsausstellungen in Europas jüngstem Museum für junge Kunst heißt. Es sprechen Pertti Lindfors, Philosoph, Jg. 1927, Salme Sarajas-Korte, Kunstkritikerin, Jg. 1925, der Künstler und Pädagoge Aleksanteri Ahola-Valo (1900-1997), die Autorin Anne Fried (geb. 1903) nebst sechs weiteren Denkern oder Künstlern. Sie haben einiges gemein: ihr hohes Alter, ihr herausragendes Lebenswerk, ihre Weltanschauung, ihren ausgeprägten Individualismus. Nachdrücklich weist Kimmo Sarje gerade auf diese Eigenschaft hin. Er hat die Denker und Gestalter zu Wort kommen lassen, hat ihre Ausführungen zusammen mit Kimmo Koskela auf Video aufgezeichnet und mit diesem Material die Installation „Monologe“ (1997-1998) eingerichtet. Da reden und erörtern sie. Zehn Monitore, aus denen die festen und leidenschaftlichen, nüchternen oder brüchigen Stimmen der Gelehrten schallen. Kaum einer hört hin. Wie auch. Er müßte sich eine Wahrnehmungsschneise schlagen, denn die Ausführungen, die von doppelt höherer Warte vorgetragen werden, durchdringen und überlagern sich zu Palawer, Geräusch, Rauschen. Theorie? Ein Gewirr entfremdeter Frequenzen.

Die Arbeit von Kimmo Sarje & Kimmo Koskela ist gleich in mehrfacher Hinsicht symptomatisch. Sie provoziert und überspitzt ein Rezeptionsverhalten, das im urbanen und televisiven Alltag eingeübt und auf die Wahrnehmung jeglicher geistiger Produktion, also auch von Kunst übertragen wird. Der kurze, flüchtige Blick, der im Reizgemenge ein paar Daten rafft, Querlesen als Prinzip, Zapping und Snapshot mitgebracht aus der schnellen Welt finden in den „Monologen“ ihre scheinbar idealen…

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