Magazin: Bücher , 2003

Kunst als Sendung

Gibt es einen Ausweg aus den sich verschärfenden Querellen zwischen Medienwissenschaft und Kunstgeschichte um den Anpruch auf Leitwissenschaftlichkeit? Dieter Daniels, Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, hat in seinem Buch einen erfreulich unaufgeregten Versuch unternommen, den Wechselwirkungen von Bildenden Künsten und modernen Medien nachzuspüren. In seiner fundierten und detailreichen Analyse der Kunst- und Mediengeschichte seit der Französischen Revolution belegt er exemplarisch, wie die Kunst mediale Innovationen von der optischen Telegrafie des nachrevolutionären Frankreich bis zur ubiquitären Vernetzung der Welt im World Wide Web stimulierte. Als Gewährsmänner dienen ihm dafür zunächst Samuel Finley Breese Morse und Louis Jacques Mandé Daguerre, deren nahezu zeitgleiche Erfindungen der elektrischen Telegrafie und der Daguerreotypie in unaufhebbarer Beziehung zu ihrer vormaligen künstlerischen Praxis standen. Bei beiden wurden die künstlerischen Mittel und Ziele in medientechnische Verfahren transformiert: Medien, so Daniels, als die Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln.

In seiner Analyse liefert der Autor erhellende, bisweilen überraschende Seitenblicke, Analogieschlüsse und Detailinformationen, etwa wenn er den geschäftstüchtigen Erfinder und abtrünnigen Künstler Morse, der sich im künstlerischen Wettstreit mit Europa so emphatisch den „Lorbeerkranz für Malerei“ als an die USA gehend gewünscht hatte, als ideologischen und ökonomischen Vorläufer heutiger Medienstrategien vorstellt. „Durch die vom amerikanischen Venturekapital getragene Privatisierung der Telegrafie erreichte das Morse-System eine Monopolstellung, die durchaus mit der des Microsoft-Betriebssystems von Bill Gates vergleichbar ist. Und sollte es ein Zufall sein, dass auch Gates versucht, mittels der Technologie die europäische Tradition in den Griff zu bekommen, indem er weltweit Bildrechte…

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