Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 172
Titel: Kunst und Geld , 2000

O2-Galerie Berlin: Knochengeld

Die Idee stammt angeblich vom Philosophen Diogenes: Der habe seinerzeit vorgeschlagen, Geld nicht aus Metall, sondern aus Knochen herzustellen. Auf diese Weise könne das Horten von Schätzen vermieden werden, denn Knochen begännen nach einiger Zeit unangenehm zu riechen. Obwohl Mathias Bröckers in der „tageszeitung“ mit der Überschrift „Geld muß stinken“ den künstlerischen Kampf gegen den Kapitalismus würdigte (man könne mit einer Geldreform, wie sie hier vorexerziert wurde, „dem Geldfeudalismus an den Kragen gehen“), verzichtete die Gruppe „Ioe Bsaffot“ um den Galeristen Wolfgang Krause und den Lyriker Bert Papenfuß auf das Odeur der Verwesung.1 Die im Herbst 1993 im Prenzlauer Berg Viertel Berlins neu ausgerufene Währung hieß zwar „Knochen“, bestand aber aus Papier, das mehr als 50 Teilnehmer in Krauses O2-Galerie Anfang November vier Tage lang („täglich 10-20 Uhr“) bemalt, gezeichnet und am Fotokopierer bearbeitet hatten.

A.R. Penck und Klaus Staeck nahmen ebenso an der Aktion teil wie Urs Jaeggi und Via Lewandowski, der polnische Performer Ryszard Vasko, Adam, Siglinde Kallnbach, Strawalde und Blalla W. Hallmann, der damals als „Prediger des Hasses“ durch die Berliner Szene-Kneipen zog.

Krause, Papenfuß und ihre Mitstreiter hatten sich ein passendes Pseudonym zugelegt: die Gruppe nannte sich „Ioe Bsaffot“, und das heißt im Rotwelschen (dem einstigen Gaunerslang) „gefälschtes Geld“. Die Galerieräume in der Oderberger Str. 2 wurden zur „Dezentralbank“ und zur „Wechselstube“: Bis zum 29. November 1993 wurden hier zwei Monate lang 5.400 Künstlerscheine ausgegeben, jeder im Wert von „20 Knochen“, und zwar im Kurs 1:1 zur DM. Das entsprach genau dem Kurs bei der deutsch-deutschen…

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