Ausstellungen: Rotterdam , 1992

Jochen Becker

Peter Greenaway

»The Physical Self«

Museum Boymans – van Beunigen, Rotterdam,17.10.1991 – 12.1.1992

Peter Greenaway, dessen strukturalistische Spielfilme durch überaus artifizielle Bilder gekennzeichnet sind, erhielt vom Rotterdamer Museum Boymans – van Beuningen die Einladung, aus dem Bestand der breitgefächerten Sammlung eine eigene Ausstellung zusammenzufügen. Zwei Dinge fallen bei Greenaways erstaunlicher Inszenierung des Depots mit dem Titel „The Physical Self“ in dem großen abgedunkelten Saal sofort ins Auge. Zum einen stehen und liegen unter fahlem Licht und auf vier erhöhte Glasvitrinen verteilt nackte Männer und Frauen. Zum anderen ist die beinahe wandfüllende und grell erleuchtete Benetton-Reklame mit dem Foto eines dreißigfach vergrößerten, noch nicht abgenabelten und blutverschmierten Neugeborenen angebracht. Beinahe von jeder Position im Raum aus gerät der Säugling oder einer der vier Nackten ins Blickfeld.

Schon beim Betreten des Raums provoziert die Ausstellung eine Polarisierung des Betrachters: Schaut man hin – oder weg; gehört dies ins Museum – oder nicht; akzeptiere ich den überraschenden Auftakt – oder fühle ich mich überrumpelt. Im Unterschied zur üblichen Festbeleuchtung geweißter Ausstellungskästen herrscht das Halbdunkel des Theaters vor, aus dem die Exponate – beispielsweise Gerhard Richters Gemälde eines Stuhls – dank exakt abgezirkelter Leuchten herausscheint. Nicht selten wird nur ein bestimmter Bereich des Bildes mittels Spotlight akzentuiert. Greenaway, der hierzu die Decke des Ausstellungsraums mit Gestängen und Bühnenscheinwerfern neu ausstaffieren mußte, führt so die Aufmerksamkeit der Besucher auf den Weg entlang seiner Exponate. Beim möglichen Blick hinter die Kulissen werden die Artefakte zeitweilig zu Requisiten. Doch im Unterschied zum Theaterregisseur Robert Wilson, der in letzter Zeit ebenfalls…

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von Jochen Becker

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