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Ausstellungen: München · von Cornelia Gockel · S. 289 - 290
Ausstellungen: München , 2014

Cornelia Gockel
PLAYTIME

»Eine Kooperationsausstellung zum Thema Arbeit«
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, 15.3 – 29.6.2014

Auf dem Weg zu seinem Vorstellungsgespräch verirrt sich Monsieur Hulot in einem labyrinthisch verschachtelten Bürokomplex. Orientierungslos streift er durch die endlosen Gänge, in der Hoffnung seinen Gesprächspartner zu finden. Chromglänzende Aufzüge und gläserne Rolltreppen erschließen das futuristisch anmutende Gebäude, in dem die Menschen in normierten Boxen wie ferngesteuert ihre Aufgaben erledigen. Die Szene aus Jaques Tatis Film „Playtime“ von 1967 zeichnet ein treffendes Bild von entfremdeter Arbeit in der Moderne. Deshalb haben die Kuratoren Susanne Ehrenfried und Matthias Mühling den Titel des Films für ihre Ausstellung im Kunstbau gewählt, die sich mit den Bedingungen der Arbeitswelt auseinandersetzt. Thematisch wurde das Kooperationsprojekt des Lenbachhaus mit der MunichRe bereits schon seit Herbst 2013 mit Vorträgen, Filmvorführungen und Diskussionen eingeführt. Dabei geht es nicht nur um die Bedeutung von Arbeit als materielle Existenzsicherung, sondern auch um die vielfältigen Anforderungen wie Eigenverantwortlichkeit, Selbstverwirklichung und Kreativität, die zunehmend gestellt werden. Prototyp für den modernen und effizient arbeitenden Menschen ist der Künstler, der am Rande zur Selbstausbeutung nicht nur seine gesamte Arbeitsleistung sondern auch sein Kapital in den Dienst einer Sache stellt. „Im Projekt PLAYTIME wollen wir daher insbesondere die vielfältigen und spannungsreichen Verschränkungen zwischen ästhetischer Produktion und Ökonomie nachvollziehen“, erklären Ehrenfried und Mühling in der Einführung.

Für ihre Ausstellung haben sie 39 Positionen ausgewählt, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven den Themenkomplex Arbeit beleuchten. Erfreulicherweise umfasst die umfangreiche Gruppenausstellung nicht nur Werke bildender Künstler, sondern auch Ausschnitte aus Spielfilmen und Musikvideos. So sind Film-Klassiker wie Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ von 1936 und sozial-kritische Dramen wie Slatan Dudows „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“ von 1932 hier genauso vertreten, wie das Musik-Video von Donna Summers 1980er-Jahre Hit „She works hard for her money“.

Dass die Grenzen nicht nur zwischen den einzelnen Gattungen, sondern auch zwischen Kunst und Leben zunehmend verschwimmen zeigt der Zyklus mit Fotografien von Sharon Lockart, der gleich zum Beginn der Ausstellung prominent platziert ist. Darin sieht man Ausstellungstechniker beim Aufbau der hyperrealistischen Installation „Lunch Break“ von Duane Hanson in einem Museum. Bei dem Werk handelt es sich um eine Baustelle mit Arbeitern bei der Pause, denen die Enttäuschung über ihr unerfülltes, anstrengendes Leben in das Gesicht geschrieben zu sein scheint. In der Fotografie kann man die lebensecht wirkenden Skulpturen kaum von den Arbeitern im Museum unterscheiden. Zu Recht hat Sharon Lockart darauf hingewiesen, dass in den Aufbauteams häufig Künstler arbeiten, denen der Erfolg für ihre eigene Arbeit bisher verwehrt blieb.

Aber was ist überhaupt künstlerische Arbeit? Lässt sie sich in irgendeiner Weise quantifizieren? Und wenn ja, was sind dann die Parameter, an denen sich die Leistung misst? Mit diesen Fragen beschäftigen sich eine ganze Reihe Künstler, wie zum Beispiel der Kroate Mladen Stilinovic, der sich in seiner Fotoserie „Artist at work“ schlafend oder mit nachdenklichen Blick bekleidet im Bett liegend fotografiert hat. An die Grenzen der Belastbarkeit geht der taiwanesisch-amerikanische Performance-Künstler Tehching Hsieh mit seiner Arbeit „Time Clock Piece“. Ein Jahr lang hat er zu jeder vollen Stunde eine Stechuhr betätigt und dies fotografisch dokumentiert.

Der Zwang zur Selbstoptimierung ist ein weitverbreitetes Phänomen in der globalisierten Arbeitswelt, dem nicht nur Künstler unterworfen sind. Peter Fischli und David Weiss haben in einer thailändischen Keramikfabrik den 10-Punkte Plan „How to work better“, mit ebenso einfachen, wie nachvollziehbaren Ratschlägen gefunden, abfotografiert und als farbigen Siebdruck gestaltet. „1 do one thing at a time. / 2 know the problem. / 3 learn to listen. / 4 learn to ask questions. / 5 distinguish sense from nonsense. / 6 accept change as inevitable. / 7 admit mistakes. / 8 say it simple. / 9 be calm. / 10 smile“, heißt es darin. Wenn es nur immer so einfach wäre…

Das Scheitern an einer beruflichen Herausforderung ist Teil der Arbeitswelt, wird aber allzu gern totgeschwiegen, Erfolg dagegen lautstark gefeiert, wie es die Unternehmensberater in dem Film „Ein neues Produkt“ von Harun Farocki machen. Mit der Gründung der Partei „Chance 2000“ hat sich der inzwischen verstorbene Künstler Christoph Schlingensief auf die Seite der Verlierer geschlagen und „Scheitern als Chance“ erklärt. „Machen Sie Fehler!“ ruft er den Zuschauern in seinem Werbespot zu.

Gescheitert ist letztendlich auch Jacques Tati mit seinem Spielfilm „Playtime“, dem die Ausstellung im Kunstbau ihren Namen verdankt. Der Film entsprach nicht dem damaligen Publikumsgeschmack und war trotz hervorragender Kritiken ein kommerzieller Misserfolg. Tati, der durch seine Filmfigur des Monsieur Hulot mit „Mon Oncle“ sogar schon einen Oscar gewonnen hatte, verlor durch den Film sein gesamtes Vermögen und zog sich enttäuscht vom Filmgeschäft zurück.

Die Ausstellung „PLAYTIME“ bemüht sich durch ihren demokratischen Ansatz eine Vielzahl von unterschiedlichen künstlerischen Positionen zu vereinen. Durch die Breite könnte man dem Ganzen den Vorwurf der Beliebigkeit machen. Aber die Freude an der Entdeckung von immer wieder neuen Zusammenhängen überwiegt, zumal sich diese Dank der hervorragenden Vermittlungsarbeit nicht nur den Fachleuten, sondern auch dem breiten Publikum erschließen.

Tröstliches zum Thema Arbeit gibt es jedoch wenig zu finden und so ist es nur konsequent Beate Engls „Burnout Maschine“ an das Ende des Rundgangs zu platzieren. Als „Sinnbild für die Stress-Spirale der modernen Arbeitswelt“ lässt sich bei dieser interaktiven Skulptur ein Bürodrehstuhl mittels einer Kurbel mechanisch in Gang setzen. Ist er auf dem höchsten Punkt angelangt, schnellt er wieder nach unten – alles auf Anfang.

Zur Ausstellung erscheint ein E-Book kostenlos zum Download unter www.lenbachhaus.de