Titel: Insel Austria , 1987

R. Scheffknecht

geb. 1952, lebt in Wien

VIDEOHERZ
Textversuch zur Installation
– Das Herz – von Romana Scheffknecht

Es gibt Bilder, Bilder von Heiligen, von heiligen Menschen, dargestellt in Verzückung und Trance. Diese Bilder zeigen diese Heiligen, diese Erleuchteten mit einer geöffneten Brust, einem durchscheinenden Leib. Man sieht das Herz, und dieses Herz steht in Flammen. Dieses Herz ist von einer leuchtenden Korona umgeben. Es sind Erleuchtete, Heilige mit einem flammenden Herzen in ihrer Brust.

Und es gibt Überlieferungen von Menschenopfern auf der obersten Plattform der Sonnenpyramide. Diesen Opfern wurden von Azteken-Priestern die Herzen herausgerissen. Der Sonne entgegen, mit dem zuckenden herausgerissenen Herzen sollte das flammende, kriegerische Gestirn versöhnt werden. Und in der geöffneten Brust der Opfer wurde am Tag des heiligen Feuers, das erste, das neue Feuer entzündet.

Das Herz ist ein Lichtorgan. Und der Bildschirm ein neues Gleichnis. Der Bildschirm gleicht dem Herzen wie der Sonne. Es ist das pulsierende Licht, daß sie alle verbindet. Das Herz mit der Sonne mit dem Bildschirm.

Das Herz ist ein Gegen-Kopf. Das Herz hat keine Distanz. Und diese Fähigkeit ohne Distanz zu sein, bringt es in die Nähe zur Erleuchtung. Es wird immer nur das Herz erleuchtet. Immer nur das Herz entflammt.

Der Monitor ist als Körper der Brustkorb des Videoherzens. Die Brust für dieses Herz aus Glas. Der Ort des Hochenergiestrahls in der Bildröhre. Denn das Videoherz sieht nicht so aus oder erscheint wie ein Herz: Es ist ein Herz.
Ecke Bonk (Wien, Juni 1984)

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