Magazin: Publikationen , 1998

Sehstörungen

Kunst und Propaganda – Toby Clarks Studie zu ihrer Beziehung im 20. Jahrhundert

„Your country needs you“ – der martialisch blickende Mann mit Schnurrbart und Admiralsmütze stößt dem Betrachter den drohend gereckten Zeigefinger fast ins Gesicht. Das Bild des britischen Staatssekretärs Lord Kitchener, das der englische Künstler Alfred Leete 1914 für eine Wehrpflichtkampagne der englischen Regierung entworfen hatte, ist eines der meistkopierten Plakate der Welt. Wo hört die Kunst auf und wo fängt die Propaganda an? Bei Leetes Plakat ist die Frage noch einigermaßen leicht zu beantworten. Doch eine ganz klare Antwort will auch der englische Kunsthistoriker Toby Clark in seinem Buch „Kunst und Propaganda“ nicht geben. Denn die Übergänge sind fließend. Käthe Kollwitz‘ „Frau mit totem Kind“ von 1903 ist Antikriegspropaganda und das menschliche Leid, das ihr Bild ausdrückt, zugleich ein vielgelobtes Musterbeispiel des sozialkritischen Realismus. Picasso hat sein 1937, nach dem Nazi-Überfall auf die baskische Ortschaft entstandenes, mindestens ebenso bekanntes Gemälde, selbst als „bewußte Propaganda“ bezeichnet. Gleichwohl gilt es heute als Inkunabel der modernen Malerei und hat, neben dem sicheren Platz über dem Bücherbord jedes guten Linksintellektuellen, einen der besten Plätze im spanischen Nationalmuseum Reina Sofia in Madrid erhalten. Bei Clarks Überblickswerk über die Beziehung zwischen Kunst und Propaganda im 20. Jahrhundert fällt positiv auf, daß er nicht dichotomisch scheidet – hier die reine Kunst da Propaganda – und propagandistische Tendenzen in der Kunst generell verdammt. Clark unterscheidet zwar manchmal vielleicht nicht klar genug zwischen politischer Kunst und Propaganda. Und er streift wichtige Künstler und Strategien manchmal nur sehr…

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