Titel: Kunst und Spiel I , 2005

Thomas Feuerstein

Vilém Flussers Gesellschaftsspiele

Natur und Kultur sind für Vilém Flusser zwei diametrale Spielarten. Während die eine durch aleatorisches Würfeln Informationen erzeugt, geht die andere methodisch und strategisch vor, um ein Zufallspiel, das sich gegen den Zufall wendet“1 als Entwicklung und Fortschritt zu etablieren. Der Homo ludens setzt dabei auf das Unwahrscheinliche und spielt gegen die Entropie, um Kultur und Gesellschaft zu gewinnen.

Spieltheorien eignen sich nach Flusser zur Beschreibung gesellschaftlicher Prozesse besser als Sozialtheorien, da sie mathematisch formulierbar sind. Das ludische ist dem soziologischen Denken überlegen, weil es härter“ ist und Phänomene exakter zu quantifizieren vermag. Zwar müssen sich Künstler noch nicht sorgen, dass man ihnen ausrechnet, wie inkompetent sie sind, und können sich vorläufig noch auf ihre empirischen Parameter wie ,Intuition‘ oder ,Inspiration‘ berufen“. Und auch Menschen im allgemeinen müssen sich vorläufig noch nicht vorwerfen lassen, dass sie sich für Spiele wie Fußball mehr interessieren als für Spiele wie Dichtung, weil die Fußballkompetenz viel kleiner ist als jene der Dichtung und daher ihrer an Idiotie grenzenden Kompetenz besser entspricht“. Aber für Flusser steht außer Zweifel, dass Kunst eine Art von Spiel ist, dass man an die Malerei oder an das Fotografieren mit den gleichen Kriterien herangehen kann wie ans Kegeln oder an Poker und dass diese Kategorien in Form von Algorithmen ausgedrückt werden können“.2 Ästhetische Phänomene und ganze Künstler wie etwa Picasso erscheinen gemäß dieser Logik als formalisierbare Größen bzw. Programme, die einen Input prozessieren und vergleichbar einer Bildbearbeitungssoftware zu einem Output transformieren.

Die an Max Bense und seine informationstheoretische Ästhetik…

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von Thomas Feuerstein

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