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Titel: Künstlerpaare · S. 138 - 141
Titel: Künstlerpaare , 1990

Beatrix Geisel
Von der namenlosen Genialität der Frau

Seit den siebziger Jahren hat man in der BRD und in der DDR damit begonnen, mit Lu Märten eine Schriftstellerin und Theoretikerin wiederzuentdecken, die „bis zum Beginn der zwanziger Jahre manches vorwegnimmt und vieles vorbereitet, was später in berühmt gewordenen Schriften und Debatten eine Rolle spielen sollte“, wie es im Vorwort eines 1982 in der DDR veröffentlichten Bändchens mit einer Auswahl aus ihren Schriften, Aufsätzen und Vorträgen heißt.1 Nach vielen Jahren der Nichtbeachtung bzw. der Verbannung in Fußnoten und Anmerkungen wird inzwischen auch in der DDR zugegeben, daß sie Ansätze der sogenannten „linken Materialästhetik“ vorweggenommen hat, wie sie hauptsächlich von Benjamin, Brecht, Eisler und Piscator entwickelt wurden – ohne daß sich einer von ihnen je auf sie bezogen hätte -, daß sie schon vor der Jahrhundertwende „Haus und Hausgerät als neue Gestaltungsaufgabe“, wie sie erst später vom Bauhaus propagiert wurde, angesehen hat und daß sie wohl „als erste Theoretikerin proletarischer Kultur und Kunst den Wert der künstlerischen Avantgarde für die Gestaltung der Umwelt erkannt hat.“2

Lu Märten ist aber nicht nur als „unbekannte Vorläuferin Brechts und Benjamins“ zu entdecken3, sondern auch als Feministin, die sich ebenso dem proletarischen wie dem radikalen Flügel der ersten deutschen Frauenbewegung verbunden fühlte. Mehr noch: Ihre Beschäftigung mit der geschlechtlichen Arbeitsteilung und den Barrieren im weiblichen Lebenszusammenhang, die einer künstlerischen Betätigung entgegenstehen, ist nicht additiv zu werten – im Sinne von: damit hat sie sich auch beschäftigt -, sondern die weibliche Perspektive ist konstitutives Element ihrer Theoriebildung. Selbst ihr…


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