Magazin: Publikationen · von Stefan Römer · S. 489
Magazin: Publikationen , 1998

Wie aus einer Wunderkammer eine Fiktion wird

„Nun, wie Sie sehen, sind wir ein kleines naturgeschichtliches Museum mit besonderem Akzent auf Kuriositäten und technischen Neuerungen. Uns liegt ganz entschieden daran, Dinge zu zeigen, an deren Ausstellung andere naturhistorische Museen anscheinend nicht interessiert sind.“ (S. 35) In dem der US-amerikanische Autor Lawrence Weschler seinen Protagonisten, David Wilson, auf diese Weise vorstellt, entwirft er den Blick, den seine LeserInnen auf dessen Museum werfen sollen. Doch es stellt sich bald die Frage: Ist das Museum of Jurassic Technology (MJT) tatsächlich seit 1988 in einem ehemaligen Ladenlokal in Los Angeles installiert? Handelt es sich um eine fiktive Geschichte Weschlers oder ist das Dargestellte dermaßen fantastisch, daß es an Fiktion grenzt?

Weschler berichtet von Kuriositäten, die dort in traditionellen Glas-Holz-Vitrinen mit effektvoller Beleuchtung und zum Teil akustischer Erläuterung wie in einem Naturkundemuseum präsentiert werden. Wir folgen ihm dabei, wie er bei seinen Besuchen die exakten Herkunfts- und Funktionsbeschreibungen der Objekte liest. Die davon ausgehende Faszination überträgt sich auf die Sammlung, die auch typische Objekte einer Wunderkammer umfaßt, eine Fruchtsteinschnitzerei mit einem bekannten Motiv (Landschaftsdarstellung und Kreuzigungsszene) der im Mittelalter hochgeschätzten Drechselkunst in einer minimalen Dimension. Dagegen scheint es sich bei einem Horn, das einer Frau aus dem Kopf wuchs und einer relativ großen, mit einer unglaublichen Geschichte behafteten „Stinkameise“ um blanke Erfindung zu handeln.

Weschler gibt seinem Buch zwei Orientierungen: Im ersten Teil stellt er die Objekte, das Museum und seinen Gründer vor, während er im zweiten Teil die Entstehung der Wunderkammern in Europa mit der Kolonialzeit zusammenbringt….

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