Ausstellungen: Düsseldorf · von Sven Drühl · S. 354
Ausstellungen: Düsseldorf , 2001

Sven Drühl

Zero Gravity

Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf,

21.4. – 17.6.2001

Nachdem Raimund Stecker den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen verlassen und sich mit dem Arp-Museum Rolandseck ein neues Wirkungsfeld erschlossen hat, richten sich derweil viele Blicke gespannt gen Düsseldorf, denn dort muss die neue Leiterin Rita Kersting zeigen, was sie kann bzw. welche Spielarten bildender Kunst in Zukunft in den renommierten Räumen zu sehen sein werden. Und das schneller als geplant. Aufgrund der Verzögerung der vorgesehenen Gebäudesanierung hat Kersting nun die Möglichkeit, mit einer ersten Ausstellung an die Öffentlichkeit zu treten. Innerhalb kürzester Zeit hat sie in Zusammenarbeit mit Anette Freudenberger eine Schau mit dem beinahe programmatisch anmutenden Titel „Zero Gravity“ organisiert.

Das Konzept der Ausstellung ist mutig und weist in die richtige Richtung, denn es arbeitet an der längst fälligen Überwindung des letzten Ismus (oder der größten Krankheit) der Moderne – des Kuratismus. Kersting präsentiert eine thematische Gruppenausstellung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie offensichtlich keine thematische Gruppenausstellung mehr sein will. Das Thema ist entsprechend unpräzise gewählt (man könnte letztlich jede Position darunter fassen). „Zero Gravity“ – keine Bodenhaftung oder: es gibt keine Verbindlichkeiten und Utopien mehr. Gesellschaftsentwürfe haben ausgedient, Individualität und Subjektorientierung sind neben Ökonomie und Image die neuen Götter der polytheistischen Gemeinde. Demgemäß präsentieren die Kunstwerke auch nur noch am Rande Utopisches. Individuelle Geschichtsschreibung, Realitätskonstrukte und Privatmythologien stehen im Vordergrund.

Auch das Zusammenspiel der insgesamt 18 Künstlerpositionen scheint sekundär. Diese reichen von internationalen Stars wie Martin Kippenberger, Georg Herold, Wolfgang Tillmanns, Isa Genzken und Heimo Zobernig bis hin zu hochgehandelten Nachwuchsartisten, etwa Björn Dahlem, Pae White, Martin Boyce und Elke Krystufek. Auffällig ist, dass es mehr um einen neuen Look im Kunstverein geht, als um die eigentlichen Arbeiten; mehr um die Künstlernamen, um das Wie der Inszenierung, die Art und Weise der künstlerischen Materialbehandlung und den Umgang mit Kunstwerken allgemein. Es gibt kaum Gerahmtes; Fotos, Gemälde und Collagen werden direkt an die Wand gepinnt. Pathosüberwindung, Entauratisierung, Anarbeiten gegen die „besetzten“ Räume, ein Vorgehen, das man eher von Off-Veranstaltungen her kennt. Der neue Look schlägt sich sogar in der Kataloggestaltung nieder: das tradierte Hartcover mit Leimbindung hat ausgedient, statt dessen gibt es eine Art Kunstzeitschrift.

Überhaupt sollte man die Ausstellung als eine kuratorische Positionierung ansehen, eine Vorgabe, welche Spannbreite das zukünftige Programm des Kunstvereins abdecken wird. Kersting zeigt, dass sie gewillt ist, den Spagat zu leisten, einerseits bereits etablierte Positionen zu präsentieren, die jedoch im Düsseldorfer Ausstellungsbetrieb bislang unberücksichtigt blieben und dem andererseits ganz junge künstlerische Befunde gegenüberzustellen. So erklärt sich die Kontrastierung von Kippenbergers Fotoserie der „Psychobuildings“ (die zum erstenmal in einer Ausstellung zu sehen sind) mit der Wandarbeit aus herabfließendem Honig von Heike Beyer. Schade nur, dass manche Einzelwerke in der Ausstellung wenig überzeugen, wie etwa Hans Peter Feldmanns trivial-symbolisches Kartenhaus (im Gegensatz zu seinem künstlerischen Katalogbeitrag, den kuriosen „Fliegenden Menschen“) oder die trashigen Collagen Amelie von Wulffens mit ihren surrealistisch anmutenden Räumen, die die Künstlerin ausgehend von Fotofragmenten malerisch weiterspinnt. Doch solche Ausreißer nach unten werden von den spannenderen Positionen aufgefangen: Von Friedrich Kunaths aktueller Videoarbeit „One day it will all make sense“ beispielsweise, in der er selbst als Straßenartist verkleidet zuerst die Hamburger, später die Bangkoker Fußgängerzone unsicher macht. Ein anfangs silberner, dann goldener Mann auf einem Sockel (sic!) fällt aus seiner eigentlich Bewegungslosigkeit gebietenden Rolle – Abbild von Peinlichkeit und enttäuschten Erwartungen. Isa Genzken greift mit ihrer Serie der „Strandhäuser“ sozusagen auf innere Psychobuildings zurück: Modellarchitekturen aus bunten, transparenten Materialien, die von Ortlosigkeit und Sehnsucht berichten. Claus Föttinger hat eine seiner beliebten Bars samt Stehlampen und Wandgestaltung installiert, an denen nicht nur getrunken, sich dezent zerstritten und wieder verbrüdert wird, sondern auch – und das ist Teil der Inszenierung – eine Diskussion über den Sinn und Unsinn moderner Kunst in Gang kommen kann.

Der Umstand, dass in Kerstings und Freudenbergers Künstlerauswahl und somit in der Wahl der Galerien, die man kontaktiert hat, ein taktisches Moment nicht zu leugnen ist, lässt sich ebenfalls mit dem Begriff Positionierung fassen. Fehlervermeidungsstrategie bei gleich.zeitiger größtmöglicher Offenheit. Ein Balanceakt eben.

Was bei „Zero Gravity“ zählt, ist mehr der Gesamteindruck und die daraus abzuleitende Haltung der jungen Macherinnen. Letztere lässt durch.aus auf eine spannende Zukunft der Institution schließen. Schön wäre allerdings, wenn auch Kuratoren langsam dazu übergingen, zu beherzigen, was bei jeder Compilation im Bereich der zeitgenössischen elektronischen Musik längst als Maßstab gilt: No Filla, just Killa!

Katalog: 28,- DM