Band 181, 2006, Titel: Die Kunst der Selbstdarstellung, S. 90

Hans-Jürgen Wirth

Die Macht und das Selbst

(RAF-)Terroristen, Fanatiker und Politiker auf der Couch

I. Zur Psychoanalyse von Narzissmus und Macht

«Keine Macht für niemand», lautete einer der Slogans der 68er-Bewegung. Und Jacob Burckhardt schrieb schon exakt 100 Jahre früher in seinen Weltgeschichtliche[n] Betrachtungen: «Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe» (S. 73). Aber die Studenten des Pariser Mai 68 forderten nicht nur die Abschaffung der Macht, sondern formulierten auch: «Die Phantasie an die Macht!» und «Alle Macht dem Volke».  

Macht ist offenbar ein schillerndes Phänomen, das höchst ambivalente Gefühle, Phantasien und Wertungen auslöst. Macht wird einerseits entwertet, verdammt, gar verteufelt, und andererseits gilt ihr unsere Faszination. Wir bewundern und beneiden diejenigen, die sie ausüben. Wir träumen heimlich davon, selbst über unendlich viel Macht zu verfügen, und beschwichtigen die Schuldgefühle, die dieser Wunsch auslöst, mit der Vorstellung, diese unendliche Macht natürlich zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Alle würden von unserer Macht und Großzügigkeit profitieren – vielleicht ausgenommen diejenigen, die es wirklich nicht besser verdient haben.  

Gesunder Narzissmus

Interessanterweise ergeht es dem Begriff des Narzissmus ähnlich wie dem der Macht: auch ihm haftet eine höchst ambivalente Tönung an. Sigmund Freud stellt dem Narzissmus die Objektliebe diametral gegenüber. Je mehr man seine begrenzte libidinöse Energie an andere Menschen als Liebe und Zuneigung verschenke, umso weniger bleibe sozusagen dafür übrig, sich selbst zu lieben. Wer umgekehrt in erster Linie an sich selbst denke, dem stünden für den Mitmenschen keine Liebes-Reserven mehr zur Verfügung.  

Der Narzissmus erscheint mit dem Egoismus assoziiert und demnach als eine antisoziale Eigenschaft. Wenn wir einen Menschen als narzisstisch bezeichnen, werten wir ihn ab und charakterisieren ihn als egoistisch, ich-bezogen und in seinen sozialen Beziehungen beeinträchtigt. Narzisstisch gestörte Persönlichkeiten gelten als psychotherapeutisch schwer behandelbar, und die von manchen Autoren postulierte Zunahme narzisstischer Störungen im Zeitalter des Narzissmus – so ein Buchtitel von Christopher Lasch (1979) –, wird als Zeichen eines tief greifenden sozialen Verfalls gedeutet.  

Die moderne Säuglingsforschung hat dem «klassischen» psychoanalytischen Bild vom Säugling als einem autistischen, symbiotischen, passiven und «primärnarzisstischen» Wesen das Bild vom – wie Martin Dornes (1993) es formuliert hat – «kompetenten Säugling» entgegengesetzt, der von Anfang an in einem aktiven Austausch mit seiner Umwelt steht. Wie die Beobachtung der frühen Mutter-Kind-Interaktionen gezeigt hat, suchen bereits Babys direkt nach ihrer Geburt aktiv den Kontakt mit der Mutter. Der von Freud postulierte »primäre Narzissmus», beschreibt also nicht den normalen und gesunden seelischen Zustand des Neugeborenen, sondern nur die pathologische Fehlentwicklung. Damit ist auch Freuds diametraler Gegenüberstellung von Narzissmus und Objektliebe die Grundlage entzogen. Dies entspricht im Übrigen auch allen klinischen Erfahrungen, die zeigen, dass Patienten, deren Selbstwertgefühl im Laufe der Therapie zunimmt, auch zunehmend fähiger werden, stabile und befriedigende (Liebes-)Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Man muss geradezu umgekehrt annehmen, dass ein (gesunder) Narzissmus die inneren Voraussetzungen zur Aufnahme reifer Objektbeziehungen darstellt.  

Suchtartige Machtprozesse

Die amerikanische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin (1988) hat in ihrem Buch Die Fesseln der Liebe den Versuch unternommen, das Problem der Macht mit der existenziellen Abhängigkeit des Menschen einerseits und seinem ebenso existenziellen Bedürfnis nach Souveränität andererseits in Verbindung zu bringen. Der Mensch bleibt sein ganzes Leben lang auf die Anerkennung durch andere Menschen angewiesen. Schon der Säugling hat ein primäres Interesse am Kontakt mit anderen Menschen. Damit sich ein Gefühl der Identität entwickeln kann, bedarf es eines Gegenübers, das durch Liebe, Vertrauen und Anerkennung das Selbst-Gefühl bestätigt – oder genauer: überhaupt erst konstituiert. Die Erfahrung, auf den anderen und sein Wohlwollen, sein Vertrauen und den Glauben, den er in uns setzt, in fundamentaler Weise angewiesen zu sein, gehört zu den schmerzlichsten aber auch beglückendsten Erfahrungen, denen jeder Mensch vom Beginn seines Lebens an immer wieder ausgesetzt ist.  

Die Ausübung von Macht, der pathologische Narzissmus und der irrationale fanatische Glaube stellen Strategien dar, um die Abhängigkeit zu verleugnen. Indem man andere mit Hilfe der Macht unterjocht, versklavt oder sich in anderer Form gefügig macht, kann man sich die Illusion verschaffen, unabhängig zu sein. Der andere soll gezwungen werden, seine Anerkennung auszudrücken, ohne selbst Anerkennung zu ernten. Die Anhäufung von noch so viel Macht kann das menschliche »Urbedürfnis» nach Liebe und Anerkennung jedoch nicht ersetzen, sondern nur umformen. Wer Macht hat, kann sich Liebe und Anerkennung zwar erzwingen und erkaufen. Er verschleiert damit jedoch nur seine fundamentale Abhängigkeit, ohne sie wirklich aufheben zu können. «Damit beginnt ein Circulus vitiosus: Je mehr der andere versklavt wird, desto weniger wird er als menschliches Subjekt erfahren» (Benjamin 1988, S. 213), und desto mehr Gewalt muss das Selbst gegen ihn einsetzen, um die erhoffte Anerkennung zu erhalten. Denn je größer die Gewalt ist, mit der Anerkennung erzwungen wird, umso weniger ist sie wert. Aus dieser Dynamik leitet sich der suchtartige Charakter von Machtprozessen ab.  

Das dynamische Wechselspiel zwischen Narzissmus und Macht wird auf der einen Seite durch die Machtgelüste des Herrschers geprägt, die auf der anderen Seite durch die Bedürfnisse der Beherrschten nach Unterwerfung, Schutz und blinder Gefolgschaft ergänzt werden und dessen Macht überhaupt erst ermöglichen. Gesellschaftliche Macht wird gesucht, um innere Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Minderwertigkeit zu kompensieren. Im fanatischen Glauben an eine übermenschliche Macht versucht das Subjekt die eigene Omnipotenz zu sichern durch eine Unterwerfung, die mit der heimlichen Phantasie verbunden ist, durch die Über-Identifikation mit der als übermächtig erlebten Autorität an deren Macht zu partizipieren.  

Fremdenangst vs. Fremdenhass

Macht übt deshalb gerade auf solche Personen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Ungezügelte Selbstbezogenheit, Sieger-Mentalität, Karriere-Besessenheit und Größenphantasien sind Eigenschaften, die der narzisstisch gestörten Persönlichkeit den Weg in die Schaltzentralen der Macht ebnen. Indem sich der narzisstisch gestörte Führer vorzugsweise mit Ja-Sagern, Bewunderern und gewitzten Manipulatoren umgibt, verschafft er sich eine Bestätigung seines Selbstbildes, untergräbt jedoch zugleich seine realistische Selbstwahrnehmung und verfestigt seinen illusionären und von Feindbildern geprägten Weltbezug. Fremdenhass und Gewalt gegen Sündenböcke zu schüren, die Spaltung in absolut böse und absolut gute Objekte und die Berufung auf einen allmächtigen Gott, in dessen Auftrag man handele, gehören zu den bevorzugten Herrschaftstechniken narzisstisch gestörter Führerpersönlichkeiten. Geblendet von seinen eigenen Größen- und Allmachtsphantasien und von der Bewunderung, die ihm seine Anhänger entgegenbringen, verliert der Narzisst den Kontakt zur gesellschaftlichen Realität und muss letztlich scheitern, auch wenn er zeitweise noch so grandiose Erfolge feiern kann. Häufig folgt nach glänzenden Siegen ein jäher und unerwarteter Absturz, weil der narzisstische Herrscher im Vollgefühl seiner Omnipotenz den Bogen überspannt hat.  

Die Kehrseite der Omnipotenzphantasien sind die paranoiden Verfolgungsängste. Weil gut und böse aufgespalten sind, wird die eigene Großartigkeit ebenso überschätzt wie die Bösartigkeit der als feindlich wahrgenommenen Fremden.  

Man kann zwei Typen der Fremdenfeindlichkeit unterscheiden (vgl. Wirth 2001): einen ängstlichen und einen hasserfüllten Typus. Bei beiden ist der Abwehrmechanismus der Projektion von zentraler Bedeutung. Bei der Fremdenangst (Xenophobie) werden die verpönten Anteile zunächst verdrängt und dann auf den Fremden projiziert. Nun werden sie nur noch dort wahrgenommen und sind aus dem eigenen bewussten Erleben ausgeklammert. Um relativ angstfrei leben zu können, muss der Phobiker nur noch dem ängstigenden Fremden aus dem Wege gehen.  

Ganz anders jedoch der Typus des narzisstisch gestörten Fremdenhassers: Bei ihm liegt eine besondere Form der Projektion vor, die «projektive Identifizierung». Dabei werden die verpönten Anteile – insbesondere aggressive Impulse – nur unvollständig oder gar nicht verdrängt. Sie bleiben also im Bewusstsein präsent. Ihre Projektion auf äußere Feinde bringt deshalb nur unzureichende Entlastung. Daraus entsteht das Bedürfnis, das Objekt, auf welches die aggressiven Impulse projiziert wurden und das deshalb gefürchtet wird, ständig zu kontrollieren (vgl. Kernberg, 1975). Der Feind wird nicht phobisch gemieden, sondern es wird ein kontrollierender, aggressiver und verfolgender Kontakt mit ihm gesucht. Der Feind soll bestraft oder gar vernichtet werden. Der Fremdenhasser bleibt mit seinen eigenen aggressiven Impulsen bewusst identifiziert, obwohl er sie projiziert hat – daher der Begriff «projektive Identifizierung». Die vollständige Dämonisierung des Gegners wird zur Rechtfertigung für den eigenen Hass, der als reine «Gegenaggression» rationalisiert wird. Typischerweise geht die projektive Identifizierung mit einer misstrauisch-wahnhaften Umgestaltung der Realität einher. Das Feindbild erhält eine paranoide Komponente, es wird zur überwertigen fixen Idee bzw. Ideologie, die fanatisch gegen alle Zweifler verteidigt wird. Schließlich kommt es zur «totalen Fixierung auf den Kampf gegen den Verfolger bis zu blinder Selbstgefährdung» (Richter, 1978, S.121 ff.), wie dies aus politischen Konflikten bekannt ist.  

II. Zur Psychoanalyse des Terrorismus

Im Folgenden will ich nun versuchen, diese allgemeinen Überlegungen zum Verhältnis von Narzissmus und Macht an einem aktuellen Beispiel zu illustrieren. Meine These ist, dass in dem Krieg Amerikas gegen den Irak die Dynamik von Narzissmus, Fanatismus, Paranoia und Macht eine herausragende Rolle spielt. Zweifellos haben die USA ein ökonomisches Interesse an den größten Erdölvorräten der Welt. Offensichtlich wollen sie die Machtverhältnisse im nahen Osten nach ihren Interessen neu ordnen. Und verständlicher Weise unternehmen die Amerikaner ungeheure Anstrengungen, um sich vor erneuten terroristischen Angriffen zu schützen. Doch greifen die ökonomischen, die machtpolitischen und auch die sicherheitspolitischen Erklärungen des Krieges zu kurz. In diesem Krieg kommt den psychologischen Hintergründen eine sehr viel größere Bedeutung zu, als die Öffentlichkeit wahrzunehmen bereit ist. In all den Diskussionsrunden in der Zeit vor dem Krieg habe ich keinen Fernsehbeitrag gesehen, in dem ein Psychoanalytiker als Fachmann seinen Standpunkt hätte vortragen können. Dabei liegen die psychischen Hintergründe geradezu auf der Hand (vgl. Auchter u. a. 2003). Meine Ausgangsthese ist, dass der monströse Anschlag vom 11. September 2001 tatsächlich ein Ereignis ist, das «die Welt verändert hat», wie das viele Kommentatoren postuliert haben. Ich werde deshalb mit einer Betrachtung des Terrorismus beginnen, dann die Situation der Amerikaner untersuchen und schließlich einige Überlegungen zur gegenwärtigen weltpolitischen Situation anstellen.  

Fanatiker lieben Ideen mehr als Menschen

Terroristen, speziell Selbstmordattentäter, sind Fanatiker. Günter Hole (2004) hebt in seinem Buch Fanatismus die «Leidenschaftlichkeit» und den «blinden Eifer» des Fanatikers hervor, mithilfe dessen jener «kompromisslos» und «starr» seine «überwertige Idee» vertritt. Der Fanatiker habe alle Gefühle für andere Menschen in sich abgetötet und diese auf die Partei oder die Gruppe projiziert, deren Ideologie ihm nahe steht. Er vergöttert das Kollektiv und die gemeinsame Ideologie, denen er sich selber als Sklave ausgeliefert hat. Die völlige Unterwerfung unter diesen Götzen lässt in ihm eine Leidenschaft entstehen, deren emotionale Qualität Erich Fromm (1961) als «kaltes Feuer», als «Leidenschaftlichkeit, die ohne Wärme ist», charakterisiert.  

Beispielsweise bekennt der Palästinenser Nizzar Iyan in einem Zeit-Interview, er sehe die höchste Erfüllung darin, dass seine Söhne sich als Selbstmordattentäter im Kampf gegen die Israelis opferten. Als sein 17-jähriger Sohn Ibrahim tatsächlich bei einem Selbstmord-Attentat ums Leben kommt, sagt der Vater: «Mein Sohn Ibrahim ist tot. Nie war ich glücklicher als in dem Moment, als sie kamen und mir sagten: ‹Die Juden haben deinen Sohn getötet›.» Und auf die Frage des Interviewers: «Aber Sie sind doch sein Vater, es muss Ihnen doch wehtun», antwortet der Vater scheinbar ungerührt: «Ich bin ganz ehrlich, ich sage das aus Überzeugung, ich empfinde keine Trauer, ich empfinde Freude, wirkliche Freude, dass das, was wir geglaubt haben, mein Sohn ein Stück weit realisiert hat. Das Leben hat keinen Geschmack, wenn man seine Träume, seine Ziele nicht realisieren kann».  

Als ich dieses Interview las, fühlte ich mich eigenartig berührt: Einerseits meinte ich die tiefe Verzweiflung und Trauer zu spüren, die dieser Vater angesichts des Todes seines Sohnes empfinden musste und die er nur hinter der Schutzbehauptung versteckte, er «empfinde keine Trauer», sondern «wirkliche Freude». Andererseits bekam ich Wut auf diesen Vater, der seinen Sohn für seine eigenen fanatischen Überzeugungen ans Messer lieferte. Er schien haargenau dem Typus des Fanatikers zu entsprechen, den Hole beschreibt, wenn er sagt: Typische Fanatiker «lieben Ideen mehr als Menschen, die Hingabe an Ideen ist abnorm stark, die Hingabe an Menschen jedoch eigenartig blockiert oder gebrochen». Dem Fanatiker fehle «die Fähigkeit zur Empathie», zur «Einfühlung», zur «Sympathie», die «prinzipiell Liebesfähigkeit, Offenheit, ein An-sich-Heranlassen anderer Menschen» voraussetze. Theoretisch gesprochen – so Fromm – ist der Fanatiker eine stark narzisstische Persönlichkeit« (Fromm 1961, S. 61).  

Schließlich fiel mir noch ein Freud-Zitat ein, das sich mit unserem »Verhältnis zum Tode» (Freud 1915, S. 343) beschäftigt und in seiner Diktion ganz den Äußerungen des palästinensischen Vaters entspricht. Ich zitiere nochmals den Vater: «Das Leben hat keinen Geschmack, wenn man seine Träume, seine Ziele nicht realisieren kann». Und bei Freud heißt es: «Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vornherein feststeht, daß nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben müssen.» Und nachdem Freud in epischer Breite die seelische Vorzüge der Angstlust und des Todesmutes dargestellt hat, verweist er noch auf den Wahlspruch der Hanse, der da lautet: «Seefahren muß man, leben muß man nicht» (ebd.).  

Halten wir fest: Die zunächst so fremd und uneinfühlbar erscheinende Psyche der palästinensischen Selbstmordattentäter und ihrer Familien, erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus verstehbar und verweist auf vergleichbare Haltungen und Phänomene in unserer eigenen Kultur.  

Der «soldatische Mann» als Kugel

Ich komme zu einem anderen Beispiel. Am Tag der Anschläge auf das World-Trade-Center wurde am Bostoner Flughafen das nicht rechtzeitig umgeladene Gepäck des Terrorpiloten Muhamed Atta gefunden (vgl. Der Spiegel 40/2001, S. 32–33). Es enthielt u. a. das Testament des Selbstmordattentäters, ein psychologisch aufschlussreiches Dokument, das Attas innere Welt offenbart. Von den 18 Punkten seines Testaments beschäftigen sich allein drei mit seiner Angst vor der Unreinheit der Frauen:  

«Weder schwangere Frauen noch unreine Personen sollen von mir Abschied nehmen – das lehne ich ab.» «Frauen sollen nicht für meinen Tod Abbitte leisten. ...» «Frauen sollen weder bei der Beerdigung zugegen sein noch irgendwann später sich an meinem Grab einfinden» (ebd.).  

Die Angst vor der Frau – speziell der emanzipierten, der selbstbewussten, der sexuell aktiven Frau – ist nicht nur ein individuelles Merkmal von Atta, sondern ein in der islamischen Welt weit verbreitetes Phänomen. Der Narzissmus der islamischen Männer erfuhr in der traditionell patriarchalisch orientierten Kultur des Islam eine enorme Aufblähung durch die Überhöhung der Männer und die Abwertung der Frauen. Unter dem Einfluss des Westens und seiner egalitären Orientierung fühlen sich viele männliche Muslime in ihrem Selbstwertgefühl gekränkt und suchen Halt im islamistischen Fundamentalismus, der ihnen Selbstbestätigung durch die Erhebung über die Frau und deren Erniedrigung verspricht.  

Die Angst vor der Verschmelzung mit der Frau und die «Entstehung des Panzers gegen die Frau» hat Klaus Theweleit (1977; 1978) eingehend für den Typus des «soldatischen Mannes» beschrieben. In seiner psychoanalytisch-psychohistorischen Analyse zeigt er auf, welche psychische und psychosomatische Funktion der militärische Kampf für das Ich und für das Körper-Bild des soldatischen Mannes hat: Einerseits führt der militärische Drill zur Erzeugung eines «stählernen Leibes», einer «Körpermaschine», einer Ernst Jünger’schen «Stahlgestalt» (Theweleit 1978, S. 185), andererseits wird – so Theweleit – «der Moment der Sprengung des Körperpanzers, des Verschwindens des starren Körper-Ichs [...] ersehnt» (ebd., S. 208). «Am intensivsten ist die Erwartung der Sensation, wenn sie [die Soldaten] schließlich selbst die Bewegung der Kugel übernehmen und als Geschosse aus der Militärmaschine auf die gesuchten Leiber zurasen. [...] (Ich töte, also bin ich. Ich sterbe, also war ich.)» (ebd., S. 209-223).  

Theweleits Ausführungen lassen sich auch lesen als mögliche Interpretation der psychischen Vorgänge, die sich bei den Terrorpiloten abgespielt haben könnten. Die Analogie mit Theweleits «soldatischen Männern» ist jedenfalls frappierend. Wie Hole (2004) schreibt, zeichnet sich der Fanatiker durch eine «Erstarrung und Rigidität im affektiven Bereich» aus, die durch «eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper» – ja eine «ausgeprägte Körperfeindlichkeit» – ergänzt wird. Körperfeindlichkeit, Reinheitsideale, das Streben nach vollständiger Vergeistigung, die Entwertung der realen Existenz, die überwertige Idee vom Jenseits, der Wunsch, das eigene Leben vollständig einer illusionären Idee zu weihen und schließlich sogar zu opfern, bilden ein Syndrom, das Fanatismen aller Couleur eigen ist.  

Narzissmus der Reinheit

Auch in dieser Hinsicht weist Attas Testament Übereinstimmungen mit dem von Theweleit beschriebenen Typus des soldatischen Mannes auf. Atta schreibt unter Punkt neun seines Testaments: «Derjenige, der meinen Körper rund um meine Genitalien wäscht, sollte Handschuhe tragen, damit ich dort nicht berührt werde» (Der Spiegel 40/2001, S. 32).  

Und in dem Leitfaden für das Verhalten von Selbstmordattentätern «am Abend bevor du deine Tat verübst» (Der Spiegel 40/2001, S. 38), der ebenfalls in Attas Gepäck gefunden wurde, heißt es: «Du sollst rezitieren, dass du für Gott stirbst. Rasiere das gesamte überflüssige Haar von deinem Körper, parfümiere deinen Körper und wasche deinen Körper. [...] Reinige dein Herz von allen schlechten Gefühlen, die du hast, und vergiss alles über dein weltliches Leben» (ebd., S. 38).  

Die Angst vor dem Tod, die Angst vor der Ungeheuerlichkeit des geplanten Verbrechens wird auf die Angst vor dem eigenen Körper verschoben und dort durch Reinlichkeits-Rituale gebannt. Mit Hilfe der rituellen Handlungen wird nicht nur die gesamte Sphäre der Körperlichkeit, sondern auch das gesamte «weltliche Leben» entwirklicht. Mit der peniblen Reinigung des Körpers soll auch das «Herz von allen schlechten Gefühlen», d. h. von Liebesgefühlen, Mitleid, mitmenschlicher Sympathie, Schuldgefühlen usw. gereinigt und die Monstrosität des geplanten Massenmordes de-realisiert werden.  

Der französische Psychoanalytiker Bela Grunberger (1984) hat die Reinheit als ein narzisstisches Ideal beschrieben, das durch die Verleugnung von Triebhaftigkeit, ja die Aufhebung von Körperlichkeit schlechthin, den Zustand narzisstischer Vollkommenheit zu erlangen sucht. Grunberger definiert Reinheit als ein «narzisstisches Ideal von Allmacht und absoluter Souveränität [...], aus dem die Triebdimension völlig ausgeschlossen wird» (ebd., S. 114). Indem der Fanatiker die Reinheit zum Ideal erhebt, entfernt er sich von der realen Welt, zu der immer auch der Schmutz, das Unreine, die Exkremente als Teil des Lebens gehören und weiht sein Dasein einer illusionären reinen Heiligkeit. Um sein Reinheitsideal zu verwirklichen, findet eine Projektion der «nicht in das Selbst integrierten Analität» (Grunberger, Dessuant 1997, S. 272) auf die als unrein phantasierten Außenfeinde statt. In Kriegen, speziell denen, die als «heilige Kriege» bezeichnet werden, sollen das absolut Schmutzige, das Böse, die Ungläubigen vernichtet und im Namen eines «Narzißmus der Reinheit» (ebd.) aus der Welt verbannt werden.  

Generation Gewalt

Wir wissen einiges über die Selbstmordattentäter unter den Palästinensern. Vor allem die Jugendlichen, die sich für die Selbstmordattentate zur Verfügung stellen, sind von Kindesbeinen an einer permanenten Traumatisierung ausgesetzt. Wie Vamik Volkan berichtet hat, erscheint diesen palästinensischen Jugendlichen die Gruppen-Identität und der Fanatismus als letzter Rettungsanker. Wie armselig, elend und aussichtslos das eigene Leben auch immer sein mag, die unbedingte Identifikation mit den Idealen der Gruppe entschädigt den Einzelnen für seine Schmach. Der «Gruppennarzißmus» (Fromm 1964, S. 199–223) stellt eine wichtige Stütze für das Selbstwertgefühl des Individuums dar.  

Diese Dynamik gilt besonders für die Menschen, die bereits seit mehreren Generationen unter erbärmlichen Umständen in Flüchtlingslagern leben und durch die tagtägliche Präsenz von Gewalt traumatisiert sind. Doch die Attentäter von New York und Washington waren keine Palästinenser, sondern gut ausgebildete Studenten.  

Wie Otto Kernberg (2002) ausdrücklich betont, wirkt nicht nur die Gewalt, die man am eigenen Leibe erlebt, traumatisierend, sondern auch die Gewaltakte, deren Zeuge man wird. Die Araber und die Muslime in den arabischen Ländern fühlen sich in ihrer kollektiven Identität vom Westen gedemütigt und in ihrem kollektiven Selbstwertgefühl narzisstisch verletzt. Einzelne Individuen können gerade aufgrund ihrer privilegierten Stellung eine besonders intensive Verpflichtung empfinden, alle Kräfte in ihrem Kampf gegen Israel und seinen großen Beschützer Amerika und gegen den Westen insgesamt zu unterstützen.  

Die islamistischen Terroristen, die in den heiligen Krieg ziehen, sind in einen Generationszusammenhang eingebunden, der darin besteht, dass die privilegierten und wohlhabenden arabischen Familien einerseits in einem kaum vorstellbaren Öl-Reichtum leben und den Luxus der westlichen Industriegesellschaft genießen, andererseits aber ideologisch den Hass auf den Westen predigen. Diese Doppelmoral stellt einen schwerwiegenden Konflikt in der Auseinandersetzung zwischen den Generationen dar, der so aufgelöst wird, dass die Söhne aus wirtschaftlich privilegierten Familien teils im bewussten, teils im unbewussten Auftrag der Väter in den heiligen Krieg ziehen, von dem die Väter nur reden und träumen. Tatsächlich sind nach dem 11. September viele Hinweise bekannt geworden, dass die Terrorgruppen von zahlreichen islamischen Geschäftsleuten finanziell unterstützt werden, die in Europa und in Amerika erfolgreich ihren Geschäften nachgehen und die sich durch diese Spenden ein reines islamisches Gewissen verschaffen.  

RAF: «Stolz auf den eigenen Untergang»

Auch die deutschen Terroristen der RAF waren moralische hoch motivierte Menschen, die sich vor ihren gewalttätigen Aktionen in verschiedenen Projekten sozial engagierten. Wie ich an anderer Stelle (Wirth 2001, 2002) ausgeführt habe, waren die RAF-Terroristen als «unbewusste Delegierte» (Helm Stierlin) der Eltern-Generation eingebunden in einen transgenerationalen Konflikt. Sie holten den Widerstand gegen ein Terror-Regime nach, den die Elterngeneration in der Zeit des Nationalsozialismus versäumt hatte.  

Die Terroristen der RAF führten der Nazi-Generation demonstrativ vor, wie man einen rigorosen, bis zum Letzten, zur Selbstaufopferung gehenden Widerstand gegen ein Terror-System leistet. Dass sie die politische Realität der Bundesrepublik fälschlicherweise mit der des nationalsozialistischen Staates gleichsetzten und als «offenen Faschismus» bezeichneten, macht eine ihrer Realitätsverkennungen aus. Indem sie gegen die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung ankämpften, wollten sie auf der bewussten Ebene die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker befreien, unbewusst waren sie aber auch von dem Verlangen bestimmt, sich selbst von der unerträglichen moralischen Last der nationalsozialistischen Vergangenheit der Elterngeneration zu befreien. Dies führte zu einem übersteigerten moralischen Anspruch, sich nicht korrumpieren zu lassen, sich mit dem «Schweine-System» in keiner Weise einzulassen. Der Wunsch, nicht infiziert und integriert zu werden, schuf einen generationsspezifischen militanten Antifaschismus« und bewirkte demonstrative Abgrenzungsversuche, die bis zum Terrorismus gehen konnten.  

Die Aufteilung der Welt in gut und böse, die denunziatorische Bestialisierung des politischen Gegners als »Schwein», das bedenkungslos getötet werden kann, und die Erlösungsfunktion sowohl der Gewalttat gegen andere als auch der Selbstopferung verband die geistig-emotionale Haltung der RAF mit der des Nationalsozialismus. Auf tragische Weise bildete der terroristische Kampf der RAF eine Wiederkehr der verdrängten nationalsozialistischen Vergangenheit, während der die Staatsraison den Terror ausübte. Da die Terroristen gleichsam nicht aus freien Stücken, sondern im unbewussten Auftrag der Elterngeneration handelten, blieben sie unbewusst gebunden an die unverarbeitete nationalsozialistische Vergangenheit, und sie waren gezwungen, diese zu wiederholen – gerade auch da, wo sie gegen diese ankämpften. Ihr Kampf gegen das, was sie als «offenen Faschismus» bezeichneten, nahm selbst faschistische Züge an.  

Psychodynamisch entspringt der Konflikt einem als unerträglich empfundenen Ohnmachtsgefühl, angesichts des in der Vergangenheit von der Elterngeneration begangenen Unrechts und der Tatsache, am gegenwärtigen Unheil in der Welt nichts ausrichten zu können. Alle mit enthusiastischem Engagement begonnenen Initiativen scheinen an der Arroganz der Macht zu scheitern. Die narzisstische Kränkung, die aus der erfahrenen Hilflosigkeit und Ohnmacht resultiert, wandelt sich um in narzisstische Wut, die sich im terroristischen Gewaltakt Befriedigung verschafft. Auch wenn die RAF-Terroristen keine Selbstmord-Attentate ausführten, waren sie doch bereit, ihr eigenes Leben nicht nur aufs Spiel zu setzen, sondern auch als Fanal gezielt einzusetzen. Insofern gilt Enzensbergers im Hinblick auf die Attentäter vom 11. September 2001 in New York geäußerte Vermutung, hier sei ein «Stolz auf den eigenen Untergang» (FAZ vom 18. 9. 2001) am Werk, auch für die RAF.  

Die Selbstvernichtung ist verbunden mit der grandiosen Vorstellung von der eigenen Größe und Bedeutung. Die Welt soll endlich anerkennen, wie korrupt und schlecht die kritisierte Gesellschaft ist, wie bedeutend die eigenen politischen Vorstellungen sind und wie aufopferungsbereit die eigene Terrorgruppe ist. In der narzisstischen Phantasie, die ganze Welt beachte den eigenen Tod, werden die Selbstzweifel, narzisstischen Kränkungen und Minderwertigkeitsgefühle der Terroristen kompensiert. Der Terror der RAF lässt sich weder aus den triebhaften Tiefen eines inneren Todestriebes der Terroristen noch aus dem Außen der gesellschaftlichen Reaktionen auf den Protest der 68er-Generation erklären, sondern nur aus dem Zusammenspiel zwischen den Generationen (vgl. Altmeyer 2001c, S. 15). Der Mangel an wechselseitiger Anerkennung schuf narzisstische Kränkungen, die sich in gewaltsamen Demonstrationen der Macht zum Ausdruck brachten.  

Und doch war die Rebellion der 68er-Generation nicht eigentlich gegen die Eltern gerichtet, sondern ist als Wiedergutmachung zu verstehen, die einen wirklichen Neubeginn nach 1945 ermöglichen sollte. «Es war eine stellvertretende Rebellion, die im Grunde von einem schützenden Impuls gegenüber den Eltern beherrscht war, die ihre eigene Geschichte nicht mehr tragen konnten» (Bude 1995, S. 35). Die 68er-Generation hatte die schwere Last zu tragen, die in dem früh eingepflanzten Lebensgefühl des «Schuldig-Geborenseins» (Sichrovsky 1987) bestand. Um die Schuld der Väter wieder gutzumachen, fühlte die 68er-Generation «Herzklopfen für das Wohl der Menschheit» (Hegel, zit. nach Elias 1992, S. 343) und überforderte sich heillos mit dem Anspruch gegen alle Übel der Menschheit ankämpfen zu müssen.  

III. Zur Psychoanalyse der 68er-Generation

Allerdings hat die 68er-Generation in den zurück liegenden 35 Jahren einen erstaunlichen Lern- und Wandlungsprozess durchgemacht, der in der Biographie von Joschka Fischer exemplarisch deutlich wird. Es ist schon eine ungewöhnliche Karriere, die den Schulabbrecher mit der abgebrochenen Fotografenlehre, den ehemalige Taxifahrer, Buchhändler und militanten Straßenkämpfer aus der Frankfurter Sponti-Szene bis an die Spitze des Außenministeriums der Bundesrepublik Deutschland geführt hat. Dass sie möglich war, spricht einerseits für die Entwicklungsfähigkeit von Joschka Fischer und der politisch engagierten 68er-Generation, die er repräsentiert. Andererseits kann diese Karriere aber auch als ein Kompliment an die Durchlässigkeit, Offenheit, Wandlungsfähigkeit und Integrationskraft des demokratischen Systems der Bundesrepublik Deutschland angesehen werden. Nach der Integration der nationalsozialistischen Mitläufer stellt die Integration der antiautoritären Bewegung eine der großen historischen Leistungen der noch jungen Demokratie dar. Es gelang ihr, die Spirale der Gewalt wieder zurückzudrehen, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und die radikalisierten Minderheiten wieder in das demokratische System zu integrieren. Dabei haben beide Seiten sich gewandelt, nicht nur Joschka Fischer, die Grünen und die 68er, sondern auch in der Bundesrepublik hat sich ein grundlegender Mentalitätswandel vollzogen, zu dem die Bewegung von 68 einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet hat.  

Joschka Fischer: «Schluß mit dem RAF-Todestrip»

Wie groß die gesellschaftspolitische Kluft damals war, wird deutlich, wenn man sich erinnert, wie eng verbunden sich Joschka Fischer mit den «Genossen der Stadtguerilla» fühlte. Bis weit in die Siebzigerjahre hinein stellte Fischer als spontaneistisch-anarchistischer Straßenkämpfer die Legitimität staatlicher Machtstrukturen prinzipiell in Frage. Er genoss und nutzte den emotionalen Aufruhr der Adoleszenz bis ins post-adoleszente Alter von 29 Jahren in vollen Zügen, bis er im «deutschen Herbst» des Jahres 1977 eine Wandlung erfuhr. Fischer, der ja bekannt ist für seine Sprachgewalt, seine rhetorische Begabung und sein moralisches Pathos, brauchte recht lange, um sich vom revolutionären Pathos der Studenten- und speziell der Sponti-Bewegung zu verabschieden. Erst im Jahre 1976, nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhoff in Stammheim, konnte er sich zu einer Distanzierung von der RAF durchringen, auch wenn er sogar zu diesem Zeitpunkt noch mit verklärendem Pathos von den «Genossen der Stadtguerilla» sprach: «Wir können uns aber auch nicht einfach von den Genossen der Stadtguerilla distanzieren, weil wir uns dann von uns selbst distanzieren müßten, weil wir unter dem selben Widerspruch leiden, zwischen Hoffnungslosigkeit und blindem Aktionismus hin- und herschwenken,» sagte Fischer in seiner Rede auf dem vom «Sozialistischen Büro» veranstalteten Pfingstkongress 1976. In seinem Hin- und Herschwanken zwischen Distanzierungen von der RAF und Solidaritätsbekundungen mit ihr wird deutlich, wie zwiespältig und unentschlossen Fischers Haltung war. Noch in seiner abschließenden Aufforderung an die RAF, die Waffen niederzulegen, zeigt sich diese Ambivalenz:  

«Gerade weil unsere Solidarität den Genossen im Untergrund gehört, weil wir uns mit ihnen so eng verbunden fühlen, fordern wir sie von hier aus auf, Schluß zu machen mit diesem Todestrip, runter zu kommen von ihrer ‹bewaffneten Selbstisolation›, die Bomben wegzulegen und die Steine, mit einem Widerstand, der ein anderes Leben meint, wiederaufzunehmen» (Fischer, zit. nach Negt 1995, S. 265f).  

Die Grünen: Streit zwischen «Fundis» und «Realos»

Es verdient festgehalten zu werden, dass Fischers öffentliche Distanzierung vom Terrorismus bereits vor dem «Deutschen Herbst» des Jahres 1977 stattfand. Doch lange genug hatte die romantische Verklärung von Revolution und Illegalität die längst überfällige Abgrenzung von der RAF erschwert. Die abenteuerlich-heroische Figur des «streetfighting man», dem die Rolling Stones in ihrem Song 1968 ein Denkmal setzten, gehörte zu den romantischen Mythen dieser Bewegung, dem auch Fischer verfallen war. Diese Mythen und das Pathos sowie die damit verknüpften Größen- und Allmachtsphantasien hatten sich tief in der Psyche der 68er-Generation – nicht nur bei der kleinen Gruppe der Aktivisten, sondern auch in den Wertvorstellungen und im Zeitgeist einer ganzen Epoche – verwurzelt. Die Trennung davon war ein politisch zwar längst notwendiger, aber individuell und kollektiv äußerst schwieriger Schritt.  

Man kann Fischer allerdings zu Gute halten, dass er sich schließlich nicht nur von dem Liebäugeln mit der Gewalt trennte, sondern seine Fehler und die der Bewegung zum zentralen Angelpunkt seines weiteren politischen Lebensweges machte und nun auch in dieser Hinsicht stellvertretend für seine Generation eine Aufgabe wahrnahm, die in diesem Fall aus dem Abschied von Illusionen und der Anerkennung der Realität bestand. Aus dem fundamentalistischen Saulus wurde ein realistischer Paulus. Entsprechend heftig waren die Anfeindungen, denen sich Fischer während seiner anschließenden parteipolitischen Karriere bei den Grünen durchgehend ausgesetzt sah. Im oft hasserfüllten Streit zwischen «Fundis» und «Realos» spielte mehr oder weniger untergründig die Frage der Legitimität von Gewalt immer noch eine Rolle.  

Fischer war innerhalb der Grünen aufgrund seiner militanten Vergangenheit eine glaubwürdige und letztlich überzeugende Identifikationsfigur, die den Grünen half, ihre ambivalente Haltung zur Frage der Gewalt, des Parlamentarismus und der Fundamentalopposition in realistischere Einstellungen zu wandeln. Notwendigerweise wurde er in diesem Prozess auch zur Zielscheibe für den Hass und die Verachtung, die von einem überhöhten, unnachgiebigen und sich revolutionär gerierenden «linken» Ich-Ideal ausgeübt wurde. Diese Kritik galt im Grunde dem eigenen Selbst der Militanz-Befürworter. In Fischer fanden einerseits die opportunistischen Selbstanteile seiner Feinde eine willkommene Projektionsfläche und andererseits einen Sündenbock, den sie wegen des scheinbaren Verrats der revolutionären Ideale in die Wüste schicken wollten. Dass dies bislang nicht gelungen ist, verdankt Fischer dem eher «schweigenden», besonnenen Teil der 68er-Generation, der ihm bis heute die hohen Sympathiewerte bei Umfragen beschert.  

IV. Zur Psychoanalyse Der Weltmacht USA

Der monströse Anschlag vom 11. September 2001 auf das World-Trade-Center und das Pentagon haben die Amerikaner einer kollektiven Traumatisierung ausgesetzt. Ihre nationale Identität erfuhr durch diese demütigende Erfahrung eine schwere narzisstische Kränkung. Das reichste und mächtigste Land der Welt musste hilflos zusehen, wie ihm eine Hand voll Terroristen, bewaffnet mit Teppichmessern, auf seinem eigenen Territorium ein in dieser Art einzigartiges Inferno zufügte.  

Der 11. September 2001 als kollektives Trauma

Ein Trauma ist ein Erlebnis, das von solcher Intensität ist, dass es die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten überschreitet. Mit dem Trauma gehen Gefühle von extremer Angst, häufig Todesangst, Schrecken, Ohnmacht und totaler Hilflosigkeit einher. Dies führt zu einem Zusammenbruch zentraler Ich-Funktionen und zu einer basalen Erschütterung der gesamten Persönlichkeit. Wenn dies gleichzeitig einer großen Gruppe von Menschen widerfährt, spricht man von einem «kollektiven Trauma». Ohne Zweifel stellt die Zerstörung des World-Trade-Centers in New York eine kollektive Traumatisierung der amerikanischen Nation dar, die das kollektive Identitätsgefühl der Amerikaner und ihren Gruppennarzissmus zutiefst erschüttert hat.  

Unter «kollektiver Identität» verstehe ich nicht C. G. Jungs ahistorische Archetypenlehre vom kollektiven Unbewussten. Ich beziehe mich vielmehr auf Eriksons (1950; 1959) Begriff der «Gruppen-Identität», den Begriff der «Familien-Identität», den Manfred Cierpka (1999) als Familientherapeut formuliert hat und den Begriff des «kommunikativen» und des «kulturellen Gedächtnisses», wie er in der kulturwissenschaftichen Diskussion entwickelt wurde (vgl. Assmann 2000). Verkürzt gesagt, verstehe ich unter «kollektiver Identität» den Teilaspekt unserer Identität, der sich auf die verschiedenen Kollektive bezieht, denen wir uns zugehörig fühlen und die für unsere Werte, Überzeugungen und Emotionen von zentraler Bedeutung sind. Die gegen ein Kollektiv gerichtete Gewalt wirkt als kollektives Trauma umso stärker auf das Individuum, je enger sich das Individuum mit dem Kollektiv verbunden fühlt. Das ist vom Individuum her formuliert. Man könnte diesen Sachverhalt aber auch vom traumatisierten Kollektiv her denken und sagen: Ein Trauma von monströsem Ausmaß hat eine solche traumatisierende Durchschlagskraft, dass sich ein Individuum, das zu diesem Kollektiv gehört, seiner Wirkung nicht entziehen kann, selbst wenn es persönlich nicht direkt getroffen ist. Der Holocaust wäre das Beispiel für ein solches Trauma, das nicht nur unzählige Einzelne und ihre Familien traumatisiert hat, sondern auch diejenigen, die überlebt haben. Das bekannte «Schuldgefühl des Überlebenden» (Niederland 1980) gehört in diesen Zusammenhang.  

Doch zurück zum 11. September. Die Weltmacht Amerika wurde durch den terroristischen Angriff auf ihre Metropole und auf das Symbol ihrer wirtschaftlichen und technischen Überlegenheit mit der Erfahrung der Verwundbarkeit konfrontiert. Was so gar nicht ins Weltbild und ins Selbstverständnis Amerikas passt, wurde zur erschreckenden, aber unabweisbaren Realität: Auch die Supermacht Amerika ist verletzbar.  

Die Katastrophe löste eine Welle der Hilfsbereitschaft, der Trauer, der Anteilnahme aus. Doch bleibt die Frage, ob den Amerikanern eine kollektive psychische Verarbeitung des erlittenen Traumas gelungen ist oder gelingen wird. Leider haben sich die Befürchtungen bestätigt, die ich im Dezember 2001 als Schlusskapitel meines Buches Narzissmus und Macht (Wirth 2002) wie folgt formuliert habe:  

«Sollte den Amerikanern eine kollektive psychische Verarbeitung des erlittenen Traumas nicht gelingen, besteht die Gefahr, dass sich ein post-traumatisches Belastungs-Syndrom entwickelt, das sich als ständiges Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, als gedankliche Fixierung auf das Trauma, als unkontrollierte Panikattacken und als ebenso heftige und abrupte Aggressions-Ausbrüche gegen andere ausdrücken könnte. Die amerikanische Gesellschaft könnte in die Versuchung geraten, das erlittene kollektive Trauma dadurch abzuwehren, dass sie sich auf das Trauma fixiert und es zum zentralen Bezugspunkt der nationalen Identität macht. Als »gewähltes Trauma» – im Sinne von Vamik Volkan (1999) – wäre es laufend präsent und würde eine ständige Rechtfertigung für die eigenen paranoid-aggressiven Haltungen liefern. Amerika wäre genötigt, unablässig den Beweis seiner militärischen Überlegenheit anzutreten, indem es – mehr oder weniger wahllos – Feinde definiert, aufspürt, verfolgt und vernichtet. Schließlich käme es zur Ausbildung einer nationalistischen Ideologie, die Verfolgungs-, Rache- und Größenphantasien zum Inhalt hat. Diese haben die Funktion, die erlittenen narzisstischen Verletzungen des Selbstwertgefühls wieder gutzumachen und die Demütigungen durch Rache auszugleichen. Beauftragt die Gesellschaft einen Führer damit, einen Rachefeldzug zu organisieren, so genießt derjenige Politiker das größte Ansehen, der am fanatischsten die paranoide Ideologie vertritt und am heftigsten verspricht, dass er Rache als ausgleichende Gerechtigkeit üben werde, um das erschütterte grandiose Selbstbild wieder zu festigen» (Wirth 2002, S. 381f.).  

George W. Bush auf der Couch

Eben diese Funktion hat George W. Bush im kollektiven seelischen Haushalt der Amerikaner übernommen. Wenn ich mich im Folgenden mit der Psychologie von George W. Bush beschäftige, geschieht dies nicht mit der Vorstellung, die Weltpolitik ließe sich aus den persönlichen Konflikten des US-Präsidenten erklären. Diese sind vielmehr nur insofern relevant, als sich in ihnen die religiösen Überzeugungen und gesellschaftlichen Ideologien spiegeln, denen große Teile der amerikanischen Bevölkerung anhängen. Bush repräsentiert als Führerfigur im Sinne von Freuds Massenpsychologie das Ich-Ideal der Masse.  

Vor dem 11. September galt Bush als ein schwacher Präsident. Seine demokratische Legitimation stand auf tönernen Füßen, war er doch eher gezählt als gewählt worden. In Frage stand auch, ob er aus dem Schatten seines Vaters würde heraustreten können. Man konnte täglich in amerikanischen Zeitungen Witze über seine Unfähigkeit zur freien Rede, seine Tollpatschigkeit, seine mangelnde Weltläufigkeit lesen. Dies alles hat sich nach dem 11. September drastisch geändert. Der 11. September hat seiner bis dahin glanzlosen Präsidentschaft einen höheren Sinn verliehen. Seit Bush der zum Letzten entschlossene Kriegsherr ist, wird er in seinem Amt ernst genommen. Bush machte sein persönliches Bedürfnis, endlich ernst genommen zu werden, zur Maxime seiner Politik: Die Welt sollte Amerika wieder ernst nehmen. In den Augen von Bush war Clinton ein «Weichei», das dafür verantwortlich war, dass man Amerika in der Welt als Papiertiger verlachte. Die schwache Reaktion Amerikas habe die Terroristen geradezu zu weiteren Aktionen provoziert. In einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Bob Woodward (2003, S. 54) sagte Bush: «Die antiseptische Vorstellung, einen Marschflugkörper in das, hm, Zelt von so einem Kerl zu schicken, ist wirklich ein Witz. Ich meine, die Leute fassten das als das impotente Amerika auf ... ein schlappes, wissen Sie, technologisch tüchtiges, aber nicht besonders starkes Land. [...] Da draußen herrscht die Vorstellung von Amerika, [...] dass wir keine Werte haben und dass wir uns, wenn wir angegriffen werden, nicht wehren.»  

Dem narzisstisch kränkenden Bild vom «impotenten Amerika» wollte Bush ein starkes, militärisch potentes Amerika entgegensetzen. Immer entschlossener übernahm er die Rolle als Retter der amerikanischen Ehre und sah darin die Chance seines Lebens, als bedeutender Präsident in die Geschichte einzugehen. Der 11. September wird zum «gewählten Trauma» (Volkan 1999), das nicht mehr losgelassen werden kann, dem alles geopfert wird. Es gibt keinen anderen Gedanken mehr als Rache und Vergeltung für die erlittene Demütigung. Die passiv erlittene Traumatisierung soll abgewehrt werden, indem man andere zum Opfer eines Traumas macht. Wenn diese Dynamik die politischen und militärischen Entscheidungen Amerikas bestimmt, gewinnt es nur scheinbar seine souveräne Handlungsfähigkeit zurück, vielmehr bleibt es in einer narzisstischen Kollusion mit dem Feind verstrickt. Bushs Entscheidung, den Irak-Krieg zu führen, ist unbewusst mitgesteuert von seinem kollusiven Interaktionspartner Osama bin Laden. Die unbewusste Beziehungsdynamik zwischen George W. Bush und Osama bin Laden folgt dem Muster einer narzisstischen Kollusion, wie sie aus der Paartherapie bekannt ist (Willi 1975). Es ist die Absicht der Terroristen, die Amerikaner mit Terroranschlägen und Drohungen zu einer militärischen Überreaktion zu verleiten. Sie wollen, wo immer es geht, Amerika in einen Krieg hinein ziehen. Indem die Amerikaner gegen den erklärten Willen nahezu aller Regierungen und der Weltöffentlichkeit in einen Krieg gegen den Irak zogen, ihre Verbündeten und Freunde vor den Kopf stießen, die UNO desavouierten und sich nur ihrem narzisstisch begründeten Rachebedürfnis hingaben, tappten sie genau in die von den Terroristen aufgestellte Beziehungs-Falle. Inzwischen bewahrheiten sich die Vorhersagen auf erschreckende Weise: Der Krieg der Amerikaner gegen den Irak hat dem Terrorismus erst richtig Auftrieb verliehen.  

Mit dem Krieg in Afghanistan wurden das Taliban-Regime beseitigt und die El Qaida-Kämpfer aus ihren Trainings-Camps verjagt. Der Triumph über diesen Sieg war zwar Balsam auf die gekränkte amerikanische Volksseele, wurde aber geschmälert durch die Ungreifbarkeit der Terroristen, vor allem aber durch die Tatsache, dass Osama bin Laden entkommen konnte. Die narzisstische Wunde war durch diese militärische Aktion also noch keineswegs geheilt. Bush suchte einen anderen greifbaren Feind und erinnerte sich sogleich an Saddam Hussein. Bin Laden war nicht zu haben, weder «dead» noch «alive», also musste Saddam Hussein herhalten. Der schien wenigstens geographisch lokalisierbar zu sein und bot sich auch von seinen Charaktereigenschaften vortrefflich für die Rolle des Schurken an. Die Verschiebung von Osama bin Laden auf Saddam Hussein lag auch deshalb nahe, weil Bush hier noch eine familiäre Rechnung zu begleichen hatte: war es doch Saddam Hussein, der einen fehlgeschlagenen Anschlag auf seinen «Dad» geplant hatte.  

In seinem Buch «Bush auf der Couch. Wie denkt und fühlt George W. Bush?» (2004) hat der amerikanische Psychoanalytiker Justin Frank zahlreiche Beispiele zusammengetragen, die die narzisstische Störung des amerikanischen Präsidenten, sein paranoides Schwarz-Weiß-Denken und seinen Sadismus belegen. Als Beispiel für seinen Sadismus nennt Frank die demonstrativ zu Schau gestellte Genugtuung von Bush, als er in seiner Funktion als Gouverneur von Texas Todesurteile bestätigte und Gnadengesuche ablehnte.  

Das narzisstisch übersteigerte Selbstbild der USA

Bush ist davon überzeugt, dass seine Präsidentschaft Teil eines göttlichen Plans sei. Der Glaube an die göttliche Vorsehung verleiht ihm Handlungsgewissheit und Schicksalsergebenheit. «Wir kennen die Wege der Vorsehung nicht, und doch können wir ihr vertrauen», verkündete Bush in seiner Rede zur Lage der Nation. Der eiserne Frühaufsteher Bush liest allmorgendlich in einem evangelikalen Gebetsbuch, bevor er sich als erste Amtshandlung die «Bedrohungsanalyse» der Geheimdienste vorlegen lässt. Der liebe Gott und der böse Terrorismus sind die Quellen seiner Inspiration. Seine biedere Frömmigkeit ist nicht nur eine private Marotte, sondern bestimmt auch seine Politik. Es gehört zu den Ritualen im Weißen Haus, Kabinettssitzungen mit einem Gebet zu eröffnen. Je näher der Irak-Krieg rückte, desto eindringlicher wurde die Gottesrhetorik in Bushs öffentlichen Reden. Bush handelt «in göttlicher Mission», wie «Der Spiegel» (8/2003) formulierte. Sein Schwarz-Weiß-Denken ist das eines fanatischen Abstinenzlers. Die Spaltung in gut und böse verleiht ihm Stärke und Kontur. Bush lebt die Charaktereigenschaften aus, die vielen trockenen Alkoholiker eigen sind: Selbstdisziplin, (strenge Diät, Sport,) ein unerschütterlicher Glaube an den lieben Gott und die strikte Einteilung der Welt in gut und böse. Bush spricht offen über seine frühere, nun glücklich überwundene Neigung zum Alkohol und zu exzessiven Parties: «Sie wissen ja, dass ich ein Alkoholproblem hatte. Wenn alles so weitergelaufen wäre, säße ich jetzt in einer Bar in Texas, anstatt im Oval Office. Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb ich hier im Oval Office bin und nicht in einer Bar: Ich habe zum Glauben gefunden. Ich habe Gott gefunden» (Zit. nach Der Spiegel 8/2003, S. 92). Zu seinem 40. Geburtstag habe er seine erste Wiedergeburt erlebt und dem Alkohol und der Partyszene abgeschworen. Der Abwehrmechanismus der Spaltung in die absoluten Gegensätze von gut und böse, von süchtigem Verfallensein und Selbstdisziplin, vom lieben Gott und dem teuflischen Terrorismus, von der Koalition der Willigen und der Achse des Bösen kennzeichnen seine Weltsicht.  

Nicht nur die Terroristen, sondern auch die amerikanische Führung ist einem Fanatismus verfallen, der sich durch ein narzisstisch übersteigertes Selbstbild auszeichnet, so als wollte Bush sagen: «Amerika ist etwas ganz Besonderes, Ungewöhnliches, Einzigartiges. Es ist God’s own country. Amerika ist mit einer unermesslichen Machtfülle ausgestattet. Das ist das Einzige, was wirklich zählt. Die Welt soll uns nicht lieben, sondern bewundern oder noch besser fürchten. Amerika gibt sich keine Blöße mehr, zeigt keinerlei Gefühl noch Schwäche. Es vertraut nur auf seine eigene Stärke. Amerika ist misstrauisch und blickt selbst auf seine Freunde und treuesten Verbündeten mit Herablassung, gar Verachtung herab. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wer nicht für uns ist, den kaufen wir, wer sich nicht kaufen lässt, den schieben wir als irrelevant zur Seite. Amerika ist jedenfalls auf niemanden angewiesen.»  

Deutschlands Über-Identifikation mit den USA?

Die Beziehung der Deutschen zu Amerika war nach dem 2. Weltkrieg bestimmt von echter Dankbarkeit, aber auch von einer unbewussten Über-Identifikation mit dem Retter und ehemaligen Feind Amerika. Die Deutschen konnten so nahtlos vom Hitler-Regime zur Demokratie im Westen und zum Sozialismus im Osten überwechseln, weil sie – unter Umgehung der Trauerarbeit – ihr nationalsozialistisches Ich-Ideal durch ein amerikanisches bzw. sozialistisches Ich-Ideal ersetzten. Die Identifikation mit dem ursprünglichen Gegner Amerika, die als Entlastung von Schuldgefühlen wirkte, dauerte jahrzehntelang an und prägte die deutsche Politik. Sie war verantwortlich für die Unfähigkeit, die nationalen Interessen wahrzunehmen, wenn sie denen Amerikas widersprachen. Alles, was von Amerika ausging, wurde kritiklos akzeptiert. Erst mit dem Vietnam-Krieg bekam diese Abwehrstrategie Risse.  

Am Vietnam-Krieg, dessen Problematik die Flakhelfer-Generation nicht wahrzunehmen bereit war, weil sie sich mit Amerika überidentifizierte, entzündete sich eine tief greifende Auseinandersetzung der Jugend mit großen Teilen der älteren Generation, die sich in ihrem mühsam wieder aufgebauten Selbstwertgefühl angegriffen fühlte. Im Protest gegen diesen Krieg der Amerikaner klagte die junge Generation unbewusst auch die Nazi-Vergangenheit der Elterngeneration an (vgl. Richter 1985). Nur so lässt sich die Schärfe der Auseinandersetzungen über den Krieg in Vietnam erklären, die außerhalb Amerikas nur in Deutschland einen solch unversöhnlichen Charakter annahmen. Die Studenten fühlten eine moralische Verpflichtung, gerade als Bürger Deutschlands, das den Zweiten Weltkrieg verschuldet und unter dem Banner des Anti-Kommunismus Russland überfallen hatte, nun gegen einen neuen antikommunistischen Kreuzzug Stellung zu beziehen. Der Loyalitätskonflikt, in dem sich die Deutschen gegenüber ihrem Befreier Amerika befanden, wurde aufgelöst durch eine Spaltung der Ambivalenz auf die beiden Generationen. Die ältere Generation hatte ihr lädiertes Selbstbewusstsein durch eine Überidentifikation mit Amerika gestärkt und erlaubte sich deshalb keine Kritik an dem Krieg der Amerikaner, zumal sie auf diese Weise den alten Anti-Kommunismus weiter pflegen konnte. Die junge Generation übernahm hingegen die andere Seite der Ambivalenz, nämlich die moralische Lehre aus der nationalsozialistischen Katastrophe zu ziehen und einen Angriffskrieg im Zeichen des Anti-Kommunismus abzulehnen.  

Erst nachdem die Flakhelfer-Generation – zu der auch Helmut Kohl gehörte – abgetreten war und die 68er-Generation – mit den Protagonisten Joschka Fischer und Gerhard Schröder – die politische Verantwortung übernahm, wurde ein neues, «normaleres» und selbstbewussteres Verhältnis der Deutschen zu Amerika möglich. In diesem Sinne ist die Weigerung der deutschen Regierung, sich am Irak-Krieg der Amerikaner zu beteiligen, und ihre konsequent vorgetragene und durchgehaltene Kritik am amerikanischen Militarismus ein Zeichen dafür, dass die immer wiederkehrende und grundsätzlich unabschließbare Auseinandersetzung über die nationalsozialistischen Verbrechen eine Emanzipation von der unbewussten Über-Identifikation mit Amerika ermöglicht hat.  

Biografische Daten

Hans-Jürgen Wirth, Jahrgang 1951. PD Dr., Dipl.-Psych., Psychoanalytiker, Psychologischer Psychotherapeut, arbeitet als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Giessen. Privatdozent an der Universität Bremen. Letzte Buch-Veröffentlichungen: «9/11 as a Collective Trauma and Other Essays on Psychoanalysis and Society», Psychosozial-Verlag, Giessen 2004. «Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik», Psychosozial-Verlag, Giessen 2002. Zusammen mit Thomas Auchter u. a. hat er den Band herausgegeben: «Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen zu Trauma und Terror», Psychosozial-Verlag, Giessen 2003. Herausgeber von: «Hitlers Enkel oder Kinder der Demokratie? Die 68-Generation, die RAF und die Fischer-Debatte» Psychosozial-Verlag, Giessen 2000. Wirth ist Gründer und Verleger des Psychosozial-Verlages. Mitherausgeber der Zeitschrift «psychosozial». Mitbegründer und Redaktionsmitglied der Zeitschrift «Psychoanalytische Familientherapie». www.hjwirth.de/ www.psychosozial-verlag.de/ E-mail: hjw@psychosozial-verlag.de

Autor
Hans-Jürgen Wirth

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