Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse · von Susanne Boecker · S. 28
Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse , 2015
Titel: 56. Biennale Venedig – All the World's Futures - Analyse

56. Biennale Venedig

All the World’s Futures

Die 56. Biennale Venedig war und ist eine Herausforderung. Nicht nur die von Okwui Enwezor kuratierte Hauptausstellung „All the World’s Futures“ mit ihren 136 Künstlern, auch 89 nationale Pavillons sowie zumindest einige der 44 „Kollateralen Events“ gilt es zu bewältigen. Für alle, die bereits da waren, bietet dieser KUNSTFORUM-Doppelband die Möglichkeit, das Chaos der Eindrücke zu sortieren. Für alle, die noch hinfahren wollen, sind das Heft und die erstmals realisierte App hilfreiche Wegbegleiter. Und diejenigen, die es nicht nach Venedig schaffen, erhalten hiermit die vollständigste Dokumentation der internationalen Großausstellung.

Die Autoren dieses Bandes haben sich der Biennale aus verschiedenen Perspektiven genähert. Insbesondere die Hauptausstellung, aber auch der skandalumwitterte und inzwischen geschlossene isländische Pavillon (Christoph Büchels „The Mosque“) werden kontrovers diskutiert. In seinem einführenden Essay nähert sich Heinz-Norbert Jocks der konzeptuellen Haltung Okwui Enwezors an, der in Venedig – wie schon vor dreizehn Jahren auf der documenta 11 – das Ästhetische und das Politische zur Deckung zu bringen versucht. Und der sich in seinen Kampf gegen das Erbe der Exklusion nicht nur auf Karl Marx, sondern auch auf Walter Benjamin beruft.

Bei einem aufmerksamen Rundgang durch „All the World’s Futures“ unterzieht Amine Haase Enwezors Konzept wie auch seinen theoretischen Ansatz und Anspruch einer eingehenden Analyse. Ihrer Ansicht nach verfängt sich der Kurator in Widersprüchen und hat eine nicht nur didaktisch, sondern auch inszenatorisch fragwürdige Schau abgeliefert. Auch Klaus Honnef hat die Hauptausstellung nicht gefallen. Für ihn wird Kunst hier allein zur Illustration wohlfeiler intellektueller Thesen „missbraucht“. Zudem kritisiert er die manifeste Macht der Global Player des Internationalen Kunsthandels. Ähnlich sieht es Sabine B. Vogel, die der Frage nachgeht, ob nicht die gesamte Biennale Venedig eine gigantische Geldmaschine ist. Die Schwierigkeit, gesellschaftliche Konfliktlinien mit ästhetischen Mitteln zu reflektieren und die künstlerische Produktion als Instrument politischer Bewusstseinsbildung einzusetzen, erkannte auch Michael Hübl, der mäandernd durch die 56. Biennale Venedig gezogen ist.

Einem besonderen Aspekt der Biennale, nämlich den performativen Formaten, widmet sich Max Glauner. Mit gutem Grund, denn noch nie waren sie so präsent und in einer so diversifizierten Bandbreite vertreten wie in diesem Jahr. Für Glauner zeichnet sich damit ein epochaler Wandel ab: „Mit der 56. Biennale ist man endgültig ins Zeitalter der Post-Performance eingetreten.“ Spannend auch seine zweite Frage: Wie stellt sich die muslimische Welt im Rahmen der internationalen Großausstellung dar? Abgeschritten ist Glauner die „Achse des Bösen“ mit den Länderpavillons Iran, Syrien und Irak, außerdem stattete er den Pavillons der Türkei, Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate einen kritischen Besuch ab.

Zu den Alleinstellungsmerkmalen der Biennale Venedig zählen die „Nationalen Pavillons“. Keine andere der inzwischen weltweit über 160 internationalen Kunstbiennalen ist nach diesem Prinzip strukturiert. Man kann darüber streiten, ob diese Form der nationalen Selbstdarstellung im globalen Zeitalter obsolet ist – wie ja viele behaupten. Fest steht: sie ist lukrativ. Für die Biennale. Und für Venedig. 89 Länder nehmen offiziell an der 56. Biennale Venedig teil und leisten sich einen eigenen „Pavillon“, darunter die Erstteilnehmer Grenada, Mauritius, Mozambik, Seychellen und die Mongolei. Streng genommen kann man eigentlich nur die 29 Pavillons in den Giardini als solche bezeichnen – bei allen anderen handelt es sich um kurz- oder langfristig angemietete Räume in den Arsenale oder in der Stadt. Und die sind teuer. Doch das schreckt ernsthafte Interessenten nicht ab.

Ob kleine Dachkammer im Palazzo Mora (Seychellen) oder 7,5 Millionen Dollar teurer Neubau in den Giardini (Australien): Traditionell dokumentiert KUNSTFORUM sämtliche nationalen Pavillons der Biennale Venedig mit fotografischen Rundgängen (Wolfgang Träger) sowie kurzen Erläuterungstexten (Susanne Boecker und Sabine B. Vogel). In vielen Fällen wurden außerdem Interviews mit den beteiligten Künstlern oder Kuratoren geführt (Armenien, Australien, Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Hongkong, Irak Luxemburg, Kanada, Korea, Italienisch-Lateinamerikanisches Institut, Lettland, Niederlande, Österreich, Polen, Russland, Schweiz, Singapur, Spanien, Volksrepublik China, USA). Im Fokus steht wieder der deutsche Pavillon, der diesmal als „Fabrik“ firmiert. In langen Gesprächen mit Kurator Florian Ebner sowie den fünf Künstlern ist Heinz-Norbert Jocks diesem ungewöhnlichen Ansatz nachgegangen. Ausführlich gewürdigt wird natürlich auch der nationale Pavillon von Armenien, der in diesem Jahr mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Schließlich macht Michael Hübl noch ein paar „knappe Anmerkungen“ zu den „Eventi Collaterali“. Als solche anerkannt werden nur Präsentationen, die von nationalen und/oder internationalen Non-Profit-Organisationen getragen werden. Was natürlich gar nichts über die Qualität der Ausstellungen aussagt. Aber was soll’s: Im großen Biennale-Strudel verschwimmen die Grenzen zwischen zentral, lateral und kollateral ohnehin.

von Susanne Boecker

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